Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunzehnter Jahrgang. 1903. (44)

232  Die  österreithisch-nugarische  Menarthie.  (Dezember  16.)

Dezember  1902  beim  Wiener  Besuch  des  Grafen  Lamsdorff  in  mündlichem
Gedankenaustausch  über  die  zu  ergreifenden  Sanierungsmaßregeln.  Zu
allererst  wurde  die  Notwendigkeit  erkannt,  einen  anderen  als  den  bisherigen
  modus  procedendi  zu  wählen,  die  Beschlußfassung  über  die  zu
treffenden  Maßnahmen  dem  schwerfälligen  Apparate  des  europäischen  Konzerts
  zu  entziehen  und  die  Angelegenheit  zu  zweien  in  die  Hand  zu
nehmen  auf  Grund  eines  von  den  Signatarmächten  des  Berliner  Vertrages
zu  erwirkenden  Mandates.  Nach  einvernehmlicher  Feststellung  dieser
Modalität  handelte  es  sich  nunmehr  darum,  einen  passenden,  gefahrvollen  Umwälzungen
  vorbeugenden  Aktionsplan  zu  entwerfen.  Die  Aufgabe  war
keine  leichte.  Von  dem  Bestreben  geleitet,  eine  Reihe  von  Maßregeln  bei
der  türkischen  Regierung  durchzusetzen,  die  bei  der  gebotenen  Schonung
der  Lebensbedingungen  des  türkischen  Reiches  und  der  Erhaltung  der
Autorität  des  Landesherrn  der  christlichen  Bevölkerung  der  europäischen
Türkei  ernste  Garantien  für  eine  wirkliche  und  nachhaltige  Besserung  ihrer
Lage  bieten,  mußte  zunächst  der  Gedanke  der  Vereinigung  der  sogenannten
mazedonischen  Vilajets  zu  einer  autonomen  Provinz,  mit  einem  christlichen
Generalgouverneur  an  der  Spitze,  aus  dem  Programme  auzggeschaltet
werden,  einerseits  wegen  des  zu  erwartenden  Widerstandes  des  mohammedanischen
  Elements,  andrerseits  weil  die  Schaffung  eines  zweiten  Ost-Rumelien
  vor  allem  zum  Schaden  der  Türkei,  an  deren  Integrität  wir
unentwegt  festhalten,  und  zum  Nachteile  des  Gleichgewichts  unter  den
Balkanstaaten  ausgeschlagen  wäre.  Andrerseits  galt  es,  den  vielfachen
Uebelständen  auf  dem  Gebiete  des  Steuerwesens,  der  Gendarmerie=  und
Polizeiorganisation,  sowie  den  beständigen  Ausschreitungen  gegen  die
Christen  und  der  Willkür  gewissenloser  Funktionäre  zu  steuern.  Unsere
Forderungen  wurden  in  einem  Operate  zusammengefaßt,  das  von  den
Signatarmächten  gebilligt  und  vom  Sultan  zur  Durchführung  sanktioniert
wurde.  Wenn  dasselbe  auf  unbedingte  Vollständigkeit  und  Unfehlbarkeit
auch  nie  einen  Anspruch  erhob,  und  wir  uns  auch  von  vornherein  eine
Erweiterung  desselben  vorbehielten,  halten  wir  doch  an  der  Ueberzeugung
fest,  daß  das  angestrebte  Ziel  auf  dieser  Grundlage  mit  Zähigkeit  und
Ausdauer  zu  erreichen  ist.  Wir  verhehlen  uns  nie  die  Schwierigkeiten,
die  mit  der  Ausführung  dieses  Pensums  verbunden  sein  würden  und  die
sich  sofort  einstellten,  nicht  nur  auf  Seiten  der  Türkei,  sondern  auch
namentlich  und  überraschenderweise  auf  Seiten  der  bulgarischen  Mazedonier,
die  bisher  die  Erlangung  erträglicher  Existenzbedingungen  für  die  christlichen
  Völkerschaften  in  der  Türkei  als  das  einzige  Ziel  ihrer  Bemühungen
hingestellt  hatten,  nunmehr  aber  in  der  gewalttätigsten  Weise  gegen  die
beabsichtigten  Maßregeln  sich  auflehnten  und  verkündeten,  sich  mit  keiner
Lösung  zufrieden  geben  zu  wollen,  welche  nicht  ihren  weitgehenden  nationalen
  Postulaten  Rechnung  tragen  würde.  Der  Minister  schildert  dann,
wie  die  revolutionären  Komitees,  deren  Zentralleitung  sich  auf  bulgarischem
Boden  befand  und  denen  die  fürstliche  Regierung  eine  „fast  sträfliche  Toleranz“
  zuteil  werden  ließ,  zu  immer  tolleren,  verbrecherischeren  Streichen
Zuflucht  nahmen,  um  ähnliche  Grausamkeiten  auf  türkischer  Seite  hervorzurufen,
  die  in  der  Tat  nicht  nicht  ausblieben,  und  unter  denen  die  unschuldige
  und  friedliche  Bevölkerung  am  härtesten  zu  leiden  hatte.  Daß
unter  solchen  Umständen  das  Reformwerk  ins  Stocken  geraten  mußte,  ist
wohl  erklärlich.  Die  beiden  Kabinette  aber  verblieben  fest  auf  ihrem
Standpunkte  und  erkannten  die  Notwendigkeit,  zunächst  durch  die  ernstesten
Vorstellungen  sowohl  in  Sofia  als  auch  in  Konstantinopel  auf  der  Beseitigung
  jener  Momente  zu  bestehen,  welche  die  Aufregung  erzeugten  und
ihr  immer  neue  Nahrung  verschafften.  Weiter  stellte  sich  die  Notwendigkeit