78 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 3./6.)
Das zu bewilligende Geld komme vorzugsweise nicht der Großindustrie,
sondern der kleineren Industrie zugute und namentlich auch der Landwirtschaft.
Abg. Am Zehnhoff (Z.): Ohne Zweifel ständen der Vorlage erhebliche
technische Schwierigkeiten nicht gegenüber. Die Kanäle würden der
Industrie durch Verbilligung der Transportkosten der Massengüter nützen.
Aber diesen Nutzen werde allein die Industrie des Kanalgebiets haben,
und deshalb werde im Interesse der Gerechtigkeit eine Ermäßigung der
Eisenbahntarife eintreten müssen. Damit würde das Eindringen fremden
Getreides erleichtert werden, falls nicht besondere Maßregeln dagegen getroffen
würden. „Es muß verlangt werden, daß Ernst damit gemacht
wird, daß entweder durch den Abschluß für die Landwirtschaft günstigere
Handelsverträge oder durch das Kündigen von Handelsverträgen die Lage
der inländischen Landwirtschaft gebessert wird.“ In den Kanalplänen für
den Osten vermisse er die Kanalisierung der Oder von Fürstenberg bis
Breslau. Der Kanal Berlin-Stettin sei ihm sympathisch, aber Schlesien
müsse eine Kompensation dafür erhalten, weil er der schlesischen Kohle
Konkurrenz bringen werde. — Die Rentabilität des Kanals Rhein-Hannover
sei höchst unsicher. Allerdings seien die finanziellen Gefahren durch
die Beschränkung bis Hannover geringer geworden. — Abg. Graf Limburg-Stirum
(kons.): Die Dezentralisation der Industrie würde der
Landwirtschaft nichts nützen, weil sie die landwirtschaftlichen Löhne erhöhen
werde. Die Kostenberechnung scheine zu niedrig und die Rentabilität ausgeschlossen.
Das Stück bis Hannover sei praktisch dasselbe wie der frühere
Mittellandkanal, denn die Verlängerung bis Magdeburg werde bald nachkommen.
Die Finanzen seien höchst unsicher, solange die Erneuerung der
Handelsverträge noch nicht abgeschlossen sei, daher sei es bedenklich, jetzt
solche große Ausgaben zu machen. Abg. Rewoldt (fr.kons.): Seine Partei
wünsche eine Verständigung. Er glaube, daß die Rentabilitätsberechnung
zu günstig sei und daß die Ausfälle der Eisenbahnen sich in wenigen
Jahren verdoppeln würden.
4. Mai. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben: Die Rentabilitätsberechnung
sei sehr vorsichtig aufgestellt. Der Dortmund-Rhein-Kanal
werde sich gut verzinsen, ebenso einige andere Strecken. — Die Kompensationsforderung
Schlesiens anläßlich des Berlin-Stettiner Kanals sei unberechtigt;
die Verbesserung der märkischen Wasserstraßen habe den Schlesiern
viel genützt. Der Landwirtschaft bringe der Ausbau der Wasserstraßen
keinen Schaden, wie die blühende rheinische Landwirtschaft beweise. Abg.
Dr. Wiemer (fr. Vp.): Die Kanalvorlage sei ein Torso; seiner Partei sei
die Verbindung Hannovers mit der Elbe die Hauptsache, aber sie werde
trotzdem dafür stimmen. Tarifermäßigungen der Eisenbahnen würden auch
ohne den Kanal kommen müssen und seien nicht bedenklich. Abg. v. Eynern
(nl.) bedauert die Verkürzung des Mittellandkanals und polemisiert gegen
die Bedenken der Vorredner. Abg. v. Grabski (Pobe, Seine Partei sei
gegen die Kanalvorlage, solange die Landwirtschaft nicht durch Zulassung
— Arbeiter zur Beseitigung der Leutenot eine Kompensation
erhalte.
Am folgenden Tage erklärt sich Abg. v. Bodelschwingh (wildkonf.)
für die Vorlage und fordert Sorge für die Arbeiter durch Bekämpfung des
Alkohols und durch Gründung von Arbeiterheimen. Abg. v. Woyna
(fr.kons.): Ein Teil seiner Partei werde die Vorlage annehmen unter der
Voraussetzung, daß der Bau des Kanals Hannover-Elbe aufgegeben sei.
Abg. v. Staudy (kons.) fordert Verbesserung der östlichen Flußläufe und
den Bau des masurischen Kanals. — Am 6. Mai werden die Vorlagen