Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

480  Frankreih.  (Dezember  11.)

Stunde  der  Gerechtigkeit  im  Jahre  1917  fortgesetzt.  Caillaux  mißbilligt
den  Feldzug  Almereydas  nicht  elwa,  sondern  beglückwünscht  ihn  zu  seinen
Artikeln  und  drückt  ihm  sein  Bedauern  aus,  daß  er  nicht  zwei  von  ihnen,
die  zweifellos  von  der  Zensur  angehalten  wurden,  an  alle  Deputierten  und
Senatoren  schicken  könne.  Caillaux  beglückwünscht  ihn  am  27.  Juli  1915
für  den  Artikel:  „Diese  Engländer!“  Am  6.  August  1915  überreicht  er  ihm
einen  Brief  seines  gewöhnlichen  Berichterstatters,  spricht  über  die  Versöhnung
des  Hauses  Koburg  mit  Rom,  die  ihm  als  eine  Tatsache  von  Bedeutung
erscheint  und  kennzeichnet  die  Bedingungen  einer  Umwandlung  in  der  Balkanpolitik.
  Der  Militärgouverneur  erinnert  weiter  an  die  Angelegenheit  Cavallini
  und  an  die  Begegnung,  die  Cavallini,  der  von  Loustelot  und  Comd#
vorgestellt  wurde,  mit  Caillaux  gehabt  hat.  Einige  Tage  später  wurden
Comby  und  Loustelot  von  Cavallini  in  Lausanne  empfangen  und  hatten
durch  seine  Vermittlung  eine  Unterredung  mit  dem  Khedive,  in  der  es  sich.
wie  sie  sagten,  darum  handelte,  die  Türken  von  dem  österreichisch-deutschen
Bündnis  loszureißen.  In  der  gleichen  Zeit  findet  Caillaux  mit  einem  Paß.
der  auf  den  Namen  Joseph  Renouard  lautet,  Cavallini  in  Rom  wieder.
Die  Handlungen  Caillaux'  in  Rom  tragen  so  bedenkliches  Gepräge,  daß
es  nicht  möglich  ist,  achtlos  daran  vorüber  zu  gehen.

Aus  den  dem  Antrage  auf  Genehmigung  der  Strafverfolgung  gegen
Caillaux  beigefügten  Dokumenten,  deren  Zuverlässigkeit  gewiß  sei,  und  die
sich  im  Ministerium  des  Aeußern  befänden,  geht,  wie  „Havas“  berichiet,
hervor,  daß  Caillaux  im  Dez.  1916  in  Rom  mit  Persönlichkeiten  in  Beziehungen
  getreten  ist,  die  in  jeder  Hinsicht  verdächtig  sind,  nicht  nur  wegen
ihrer  Vergangenheit  und  ihrer  offenkundigen  neutralistischen  Anschauungen,
sondern  auch  wegen  ihrer  wohlbekannten  deutschfreundlichen  Gefühle.  Wegen
dieser  Gefühle  standen  sie  schon  damals  in  dem  Verdacht,  die  Interessen
Deutschlands  in  Italien  zu  fördern,  ein  Verdacht,  der  seitdem  durchaus
bestätigt  worden  ist,  da  drei  von  ihnen  als  Mitschuldige  Cavallinis  verhaftet
  worden  sind.  Noch  schwerere  Tatsachen  sind  enthüllt  worden  im  Laufe
einer  Unterhaltung,  die  Caillaux  in  Rom  gehabt  hat.  Sogar  in  Gegenwart
  von  bedeutenden  Persönlichkeiten  soll  er  sich  nicht  gescheut  haben,  eine
verbrecherische  Propaganda  zu  machen.  Er  habe  dargelegt,  das  Ministerium
Briand  sei  kurz  vor  dem  Sturze  und  würde  zweifellos  durch  ein  Ministerium
  Clemenceau  ersetzt  werden,  das  nur  durch  Verschärfung  des  Krieges
bestehen  könne.  Aber  das  durch  eine  neue  militärische  Anstrengung
schnell  erschöpfte  Frankreich  könne  den  Kampf  nicht  über  das  Frühjahr  1917
hinaus  fortsetzen.  Dann  werde  er  die  Macht  übernehmen  und  den
Frieden  unterzeichnen.  Italien  müsse  sich  also  vorbereiten,  mit  Deutschland
  einen  Sonderfrieden  zu  schließen.  Die  Welt  werde  erstaunt  sein
über  die  Vorteile,  die  Deutschland  Italien  und  Frankreich  gewähren
könne.  Denn  alle  Kriegskosten  würden  von  Rußland  und  dem  Balkan
getragen  werden  müssen.  Serbien  würde  verschwinden,  und  damit  geschehe
  ihm  nur  recht.  Auch  Rumänien  werde  verschwinden,  und  das
sei  ein  Unglück,  aber  es  sei  besser,  daß  Rumänien  bezahle.  Sobald  der
Friede  unterzeichnet  sei,  werde  Frankreich  ein  Bündnis  mit  Deutschland,
Italien  und  Spanien  schließen  gegen  Rußland  und  England,  die  die  wirklichen
  Feinde  jener  Länder  seien.

In  der  Begründung  des  Antrages  wird  dann  die  tiefgehende  Aufregung
dargestellt,  die  diese  Reden  in  den  politischen,  diplomatischen  und  militärischen
Kreisen  Italiens  und  unter  den  Botschaftern  in  Rom  verursacht  haben.
Die  Frage  wurde  aufgeworfen,  ob  man  nicht  zu  der  brutalen  Maßregel
der  Ausweisung  greifen  solle.  Die  Botschafter  Englands  und  Rußlands
benachrichtigten  ihre  Regierungen.  Die  Gesandten  Rumäniens  und  Ser-