Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Eraukrrich.  (Dezember  11.)  479

portun  und  fragt,  ob  die  sozialistische  Partei  die  Zeit  bereits  für  gekommen
erachte,  die  Verantwortung  für  die  Rriegspolitik  Frankreichs  abzulehnen.

11.  Dez.  (Kammer.)  Anklage  gegen  Caillaux  und  Loustalot.

Die  Regierung  setzt  die  Kammer  von  einem  Brief  des  Militärgouverneurs
  von  Paris  in  Kenninis,  in  dem  dieser  die  Aufhebung  der  parlam.
Immunität  für  die  Abg.  Caillaux  und  Loustalot  verlangt.

Ju  dem  Brief  des  Militärgouverneurs  von  Paris  heißt  es:
Im  Laufe  von  Untersuchungen  wegen  Verbindungen  mit  dem  Feinde,  die
gegenwärtig  von  den  bürgerlichen  und  militärischen  Gerichten  verfolgt
werden,  wurden  bei  fast  allen  Beschuldigten  zahlreiche  von  Joseph  Caillaux
ausgehende  Briefe  entdeckt,  die  keinen  Zweifel  über  die  zwischen  ihm  und
den  Angeschuldigten  bestehenden  Beziehungen  lassen.  Die  Prüfung  dieses
Schriftwechsels  ist  besonders  beunruhigend  und  mußte  notwendigerweise  die
Aufmerksamkeit  der  Justiz  auf  sich  ziehen.  Es  ist  schon  schwerwiegend,  wenn
ein  Staatsmann  von  der  Geltung  Caillaux',  der  die  höchste  Staatsstellung
bekleidet  hat,  der  die  Ehre  hatte,  die  Politik  seines  Landes  zu  leiten,  und  der
gern  in  seiner  Eigenschaft  als  Führer  einer  großen  Partei  auftrat,  enge
Beziehungen  und  eine  nicht  zu  bestreitende  Vertraulichkeit  mit  franz.  oder
ausländischen  Abenteurern  unterhält,  die  ihre  Handlungen,  Bestrebungen
und  Kundgebungen  seit  Beginn  des  Krieges  selbst  einem  weniger  Unterrichteten
  verdächtig  machen  mußten.  Gewiß  begreift  man,  daß  ein  bedeutender
  Polinker  zufällig  dahin  kommen  kann,  mit  einem  Menschen  vorübergehende
  Beziehungen  anzuknüpfen,  dessen  Vergangenheit  er  nicht  kennt,  und
welcher,  sein  Vertrauen  täuschend,  unter  dem  Schutz  seines  Namens  und
seines  Einflusses  die  schlimmsten  Abenteuer  auszuführen  sucht.  Aber  derartige
  Schwächen  werden  gefährlich,  wenn  sie  sich  öfters  wiederholen,  wenn
sie  jahrelang  andauern  und  wenn  sie  den  davon  Betroffenen  dazu  führen,
sich  in  die  bedauerlichsten,  ihn  bloßstellenden  Handlungen  hineinziehen  zu
lassen.  Jedenfalls  wird  Caillaux,  selbst  wenn  er  seine  Unkenntnis  bei  Beginn
  dieser  Beziehungen  beweisen  kann,  erklären  können,  daß  er  sie  nicht
abbrach,  als  er  die  Ansichten  dieser  Leute  kennen  lernte,  denen  er  in  so
unkluger  Weise  seinen  vertrauten  Umgang  gönnte,  obwohl  es  ihm  an
Warnungen  aller  Art  nicht  fehlte.  Der  im  Laufe  der  Untersuchung  gegen
Bolo  beschlagnahmte  Briefwechsel  wirkt  besonders  belastend.  In  mehreren
von  Caillaux  an  Bolo  zwischen  dem  1.  Mai  1916  und  dem  26.  Juli  1917
geschriebenen  Briefen  fordert  Caillaux  Bolo  wiederholt  auf,  sich  bei  ihm
einzufinden,  da  er  eine  Menge  Dinge  mit  ihm  zu  besprechen  habe,  die  er
ihm  nicht  brieflich  mitteilen  könne.  Dieser  Briefwechsel  wurde  in  entsprechenden
  Wendungen  fortgesetzt,  selbst  nach  dem  Zeitpunkt,  als  Bolo
unter  die  Anklage  des  Hochverrats  gestellt  war.  Caillaux  bewahrte  dem
Angeschuldigten  dieselbe  Anhänglichkeit.  Diese  Briese  bezeugen,  daß  beide
gemeinsame  Angelegenheiten  hatten,  Vertraulichkeiten  miteinander  austauschten
  und  dies  mit  einer  Vorsicht  umgaben,  die  genügt,  um  sie  verdächtig
  zu  machen.  Am  5.  August  1917,  wenige  Tage  vor  Bolos  Verhaftung,
  schreibt  Caillaux  ihm,  um  es  neuerlich  als  notwendig  hinzustellen,
daß  der  Feldzug  gegen  ihn  aufhöre.  Der  Militärgouverneur  spricht  dann
von  den  Beziehungen  Caillaux'  zu  Almereyda  und  sagt:  Daß  er  ihm  eine
gewisse  Dankbarkeit  für  —  übrigens  reichlich  bezahlte  —  Dienste  bewahrt
hat,  die  er  ihm  zur  Zeit  seines  Prozesses  bewiesen  hat,  mag  noch  hingehen.
Aber  weshalb  hat  sein  franz.  Gefühl  nicht  aufbegehrt,  als  die  Zeitung
„Bonnet  Rouge“  im  Jahre  1915  ihren  verabscheuungswürdigen  béfaitistischen
Feldzug  begann,  der  bereits  den  spätern  Hochverrat  voraussehen  ließ?  Der
beschlagnahmte  Briefwechsel  wird  während  des  Jahres  1916  und  bis  zur