NBeuisches Reich. (Januar 19.—23.) 63
aus in die Forderung nach Machterweiterung ohne blinde Annexion, an
die der Ausschuß nie gedacht habe; er trete lediglich für die polit., milit.
und wirtschaftl. Oberleitung gewisser Gebiete im Osten und im Westen ein.
An Kaiser Wilhelm wird eine Drahtung abgesandt, in der es heißt:
Gleich unseren Tapferen an der Front wird unser ganzes Volk zu Stahl
werden. Gott wird ihm die Kraft geben, mit dem schließlichen Siege einen
Frieden zu erzwingen, der durch Mehrung deutscher Macht in West und
Ost und Uebersee unsere Zukunft vor neuen Anschlägen sichert. Im Vertrauen,
daß des Vaterlandes voll ausgenutzte Machtmittel den Sieg gewährleisten,
und daß die Gestaltung des erkämpften Friedens vor jeder
fremden, den deutschen Interessen abträglichen Beeinflussung bewahrt bleiben
wird, ist das deutsche Volk auch weiterhin zu jedem Opfer bereit. In
dieser schicksalsschweren Stunde steht es in unwandelbarer Treue zu Ew.
Majestät, seinem Führer durch Not und Gefahr. Gott wird mit uns sein.
19.—23. Jan. (Berlin.) Besuch der Parlamentspräsidenten
der Verbündeten.
Die türkische Kammer wird durch den Präsidenten Hadji Adil Bei,
die Sobranje durch den Präsidenten Dr. K. Watscheff, das ungar. Abgeordnetenhaus
in Vertretung des erkrankten Präsidenten durch den zweiten
Bizepräsidenten Elemer v. Simontsits, das österr. Abgeordnetenhaus durch
den Präsidenten Dr. J. Sylvester vertreten.
Die „Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt dazu: Die Präsidenten der Volksvertretungen
der mit uns verbündeten Reiche leisten einer Einladung des
Reichstagspräsidenten Dr. Kaempf Folge, um in persönlichem Zusammensein
einander näher zu treten. Eine Reihe gegenseitiger parlamentarischer Besuche
sind vorangegangen. Zum ersten Male aber treffen jetzt die Präsidenten
aller Parlamente in Berlin zusammen. In eindrucksvoller Weise
spricht sich darin das nahe und herzliche Verhältnis aus, das zwischen den
Völkern unseres Bundes besteht und durch den Krieg zu unverbrüchlicher
Festigkeit geschmiedet worden ist. Mit der Reichshauptstadt heißen wir die
Gäste des Reichstagspräsidenten herzlich willkommen!
Bei einem vom Präsidenten des Deutschen Reichstags veranstalteten
Abendessen bringt Vizepräsident Paasche folgenden Trinkspruch aus:
M. H.! Kein Wort kann herzlich und innig genug sein, um unserer Freude
Ausdruck zu geben, daß wir heute hier in Deutschlands winterlich gekleideter
Hauptstadt die Ehre und die Freude haben, die Herren Präsidenten
der uns so fest verbündeten Reiche als willkommene Gäste unseres Herrn
Präsidenten und des deutschen Volkes begrüßen zu dürfen. Wir wissen die
Bedeutung dieses Tages zu würdigen. Er wird ein Denkstein sein in der
Geschichte unserer Völker. Zu den größten Ueberraschungen, die unsere
Feinde erleben mußten, als sie freventlich uns zwangen, das Schwert aus
der Scheide zu ziehen, um diesen männermordenden Kampf aufzunehmen,
gehörte die Tatsache, daß die politischen und nationalen Kämpfe der Parteien
in den verbündeten Ländern zurückgestellt und vergessen waren, als das
Baterland zur Verteidigung seiner heiligsten Güter die Völker aufrief.
Niemand, der es miterlebt hat, wird es je vergessen, wie groß und gewaltig
die Begeisterung alle Völker ergriff, als der Ruf zu den Waffen
erklang und es galt, alle Kräfte einzusetzen für das Wohl des Ganzen. Die
Völker und ihre Parlamente haben sich in der großen Zeit ihrer großen
Aufgabe würdig gezeigt. In nie dagewesener Einmütigkeit und Opferfreudigkeit
haben sie alle Lasten getragen und jetzt, nach jahrelangem,
blutigstem Ringen, nach Opfern und Entbehrungen aller Volksklassen
sondergleichen, haben die Völker und Volksvertretungen sich in einmütigem