Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

518  Stalien.  (Oktober  17.—25.,

Beichaffung  von  Düngemitteln  und  Saatkorn  sowie  durch  zu  späte  Beurlaubungen
  von  Landleuten  vom  Heeresdienste  auch  die  nächste  Ernte
bereits  stark  beeinträchtigt  habe.  Eine  Brotration  von  250  Gramm  sei
nicht  durchführbar  ohne  starke  überseeische  Kornzufuhr,  deren  Behinderung
indessen  bekannt  sei.  Der  Minister  des  Aeußern  hätte  im  Bündnisvermag
und  namentlich  im  Londoner  Abkommen  mindestens  das  notwendigste
Nahrungsmittel  des  Landes  sicherstellen  müssen.

Abg.  Casalini  (Soz.)  bespricht  die  Turiner  Unruhen  im  Mai  und
im  August  (s.  S.  513)  sowie  die  Ausbeutung  des  Volksvermögens  durch
Heereslieferanten  und  andere  Spekulanten.  Die  Zenfur  dulde  ruhig  die
niederträchtigsten  öffentlichen  Verunglimpfungen  Giolittis.  So  gehen  in
Turin  Karten  um,  auf  denen  Giolitti  mit  auf  den  Rücken  gebundenen
Händen  und  im  Begriff,  als  Verräter  erschossen  zu  werden,  dargestellt  sei,
und  doch  sei  es  Giolitti,  welcher  Libyen  für  Italien  gewonnen  habe.

Während  dieser  Reden  kommt  es  zu  furchtbaren  Skandalszenen.  Als
Abg.  Grosso--Campana  den  reformsoz.  Minister  Bissolati  des  Verrats
seiner  früheren  freiheitlichen  Grundsätze  beschuldigt,  wird  er  von  diesem
mit  Schimpfworten  unterbrochen.  Die  Giolittianer  und  Sozialisten  rufen
zurück:  Ein  Narr  bist  du,  Frechling,  treubrüchiger  Mörder,  Bluthund,
der  60  Wehrlose  (bei  den  Augustunruhen  in  Turin)  massakriert  har!  Bodelli
kann  uns  leid  tun!  Macht,  daß  ihr  fortkommt!  Wir  haben  genug  von
euch!  Aus  der  Gruppe  Salandras  und  den  Nationalisten  ertönen  dagegen
Rufe:  Kanaillen!  Ihr  gehört  ins  Gefängnis!  Eure  angeblich  wehrlosen
Schüpzlinge  waren  mit  Handgranaten  und  Beilen  bewaffnet.  —  Bissolati
ruft:  Ich  wäre  bereit,  zur  Verteidigung  des  Landes  euch  alle  zusammenschießen
  zu  lassen.  —  Boselli  erklärt:  Ich  teile  die  Verantwortung  mil
allen  Ministern,  das  Kabinett  ist  vollkommen  solidarisch.  Die  Giolittianer
und  Sozialisten  rufen:  So  ist  es  recht,  jetzt  wissen  wir  wenigstens,  wie  es
gemeint  ist.  Ihr  werdet  uns  Rechtfertigung  geben  für  alles,  was  ihr  angestellt
  habt!  Euere  Stunde  ist  gekommen!  Bissolati  hält  dem  Tumult  stand
und  ruft:  Heuchler,  wir  haben  euch  die  Maske  vom  Gesicht  gerissen!

Am  19.  erklärt  Abg.  Soderini  (Klerik.),  die  Papstnote  bilde  den  feierlichen
  Ausdruck  des  Friedenssehnens  aller  Bölker.  Die  italienischen  Katholiken
  erwarteten  von  Sonnino  darüber  Erklärungen.

Abg.  Bentini  (Soz.)  wendet  sich  gegen  Bissolati,  der  am  18.  Grosso-Campana
  verdächtigt  habe,  auf  die  Turiner  Unruhen  hingearbeitet  zu  haben.
Die  Angriffe  seien  so  schwer  beleidigend,  daß  Bissolati  unbedingt  Beweise
erbringen  müsse.  Der  Aufruhrgeist,  der  die  Sozialisten  heute  beseele,  sei
derselbe,  der  im  Jahre  1898  auch  Bissolati  gegenüber  der  Reaktion  beseelt
habe  und  der  Bissolati  veranlaßte,  in  der  vollbesetzten  Kammer  mit  aller
Kraft  auszurufen:  Nieder  mit  dem  König!  Heute  wolle  man  den  Krieg
fortsetzen,  um  eine  reaktionäre  innere  Politik  zu  schaffen.  Mag  man  dies
tun!  Die  Regierung  werde  es  mehr  zu  bereuen  haben  als  die  Sozialisten.
Hinsichtlich  der  von  den  Sozialisten  angeregten  Untersuchung  der  Finanzierung
  von  Zeitungen  sagt  B.,  es  müsse  alle  schmerzlich  berühren,  wenn  die
Regierung  eines  verbündeten  Staates  sagen  dürfe,  daß  sie  25  Mill.  Fr.
zum  Kauf  italienischer  Zeitungen  und  Journalisten  verausgabt  habe.
Es  sei  kein  Wunder,  wenn  italienische  Zeitungen  sich  bei  einer  solchen  Bezahlung
  seitens  des  Auslandes  wenig  mehr  um  ihre  alte  Krippe,  die  Geheimfonds
  des  Ministeriums  des  Innern,  kümmern.  Anschließend  krinssiert
B.  die  ungenügende  Unterstützung  der  Soldatenfamilien  und  erklärt:  An
dem  Tage,  da  das  Volk  nicht  mehr  das  Notwendigste  finden  wird,  wird  es
auf  die  Straße  kommen.  Die  Regierung  wird  dann  nicht  zugeben,  daß
dies  die  Folge  des  Hungers  sei,  und  daß  sie  die  Lage  selbst  heraufbeschwvoren