hat. Hierbei ist zu beachten, daß die Urteile der belgischen Gesandten
immer in gewissem Sinne von ihrem Ursprüngsorte abhängig bleiben.
Die Gesandten spiegeln in ihrer Berichterstattung in erster Linie die
Gedankenwelt der Staatsmänner, der Behörden und des Publikums derjenigen
Länder wieder, in denen sie leben. Das ist an sich selbstverständlich,
muß aber im Auge behalten werden, wenn wir den Versuch machen
wollen, aus der belgischen Beurteilung zu einer richtigen Bewertung der
treibenden politischen Kräfte zu gelangen. Nicht jeder Gesandte war
in der Lage, sich von der Auffassungswelt seines amtlichen und persönlichen
Umkreises so weit freizumachen, daß er über alle nationalen Verstimmungen
hinweg ein unparteiisches Urteil zu fällen vermochte. In Paris sah
man die Dinge naturgemäß mehr vom französischen, in Berlin mehr vom
deutschen Standpunkte. Gewisse Gegensätzlichkeiten sind dabei unvermeidlich.
Das Brüsseler Ministerium des Äußeren suchte sie auszugleichen
und teilte die wichtigeren eingehenden Berichte den Gesandten in den
anderen Hauptstädten mit, um so eine größere Vielseitigkeit und Abklärung
des Urteils zu erreichen.
Zwei Berichte aus Paris vom 24. Oktober und aus Berlin vom 27. Oktober
zeigen diese gelegentliche Bedingtheit der belgischen Beurteilung
auf das deutlichste!). Da sie sich mit den grundlegenden Problemen
der politischen Entwicklung in dem Jahrzehnt vor dem Weltkriege befassen,
müssen wir auf sie genauer, eingehen.
Der Pariser Bericht vom 24. Oktober?) geht von den Erschütterungen
aus, die das europäische Gleichgewicht seit den Frühjahrsereignissen
erlitten hatte. Nach einer Periode der Verwirrung in der auswärtigen
Politik Frankreichs schien jetzt eine gewisse Sammlung einzutreten.
Eben begann man sich von den Erregungen der Delcass£&-Zeit zu erholen,
aber die Nachwirkungen der Haltung Deutschlands wurzelten tief in den
französischen Herzen. ‚Der nationale Chauvinismus ist wieder erwacht,
man streitet sich über die Wirksamkeit der nationalen Verteidigung, und
man zeigt sich geneigt, neue Opfer zu bringen, damit Armee und Flotte
jeder Möglichkeit gewachsen seien. Man scheint anzunehmen, daß man
sich bei dem gegenwärtigen Zustande der Dinge an der Grenze in ebenso
ungünstiger Lage befinden würde wie 1870. Man beklagt vor allem
den Mangel an Organisation, an Autorität der Führer und an Disziplin
in der Armee. Frankreich ist sich dessen bewußt, daß aus der zukünftigen
Orientierung seiner auswärtigen Politik oder aus derjenigen, die man ihr
beilegen könnte, schwere Verwicklungen zu entstehen vermögen. Die
Regierung der Republik, gegen die sich die deutschen Klagen erhoben
haben, muß sich Rechenschaft davon ablegen, daß bei einer Fortsetzung
der Politik Delcasses Frankreich zur Beute eines Kampfes werden würde,
von dem England nur Vorteile hätte.“ Nun scheine aber Deutschland
die Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit England immer mehr ins
Auge zu fassen, und Frankreich soll sich erklären, auf welche Seite es sich
2) Belg. Akt. Nr.11. Man beachte die Auslassungen im Zirkular (Bd. II, S. 81 ff.).
Der Fehlspruch von Versallles. 9
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