Full text : Königlich Württembergisches Staats- und Regierungs-Blatt vom Jahr 1810. (5)

VIII  Vorwort.

Alle  Sprachen  verändern  sich  mit  der  Zeit.  Unmerklich
treten  diese  Veränderungen  im  Laufe  von  Jahrzehnten  ein.
Welch  ein  Unterschied  ist  zwischen  dem  Althochdeutschen  und
unsrer  heutigen  Sprache!

Diese  Veränderungen  haben  ihre  gute,  haben  ihre  Schattenseite.

Die  gute  Seite  besteht  im  Zunehmen  der  Beweglichkeit
und  Ausdrucksfähigkeit,  im  Zunehmen  der  Wörterfülle  der  Sprache.

Die  Schattenseite  besteht,  was  den  Stil  betrifft,  darin,  daß
oft  aus  fremden  Sprachen  Wendungen  entlehnt  werden,  die
dem  ureignen  Geiste  der  Sprache  zuwider  sind,  namentlich  in
Übersetzungen.  Eine  andere  Schattenseite  aber  ist  das  fortwährende
  Abnehmen  an  Wohlklang.  Die  Sprachen  schleifen
sich  im  Laufe  der  Zeit  ab?).

So  sind  im  Deutschen  die  früheren  volltönenden  Endungen
schon  sämtlich  in  die  schlechtbetonten  Endsilben  auf  „en“,  „e“,
ver“  abgeschliffen  worden.  Daß  der  Wohlklang  dabei  nicht
gewonnen  hat,  versteht  sich  von  selbst.  Dieses  durch  Jahrhunderte
langsam  und  unbewußt  fortschreitende  Abschleifen  hat  indessen
in  allen  Sprachen  einen  Haltpunkt,  wo  es  eine  Zeitlang  stehen
bleibt.  Das  ist  die  Zeit  der  höchsten  Blüte  der  Litteratur  eines
Volkes.  Die  Sprache  erscheint  in  dieser  Zeit  in  der  größten
Ausbildung  ihrer  Schönheit.  Das  Deutsche  hat  sich  in  den
letzten  achtzig  Jahren  bei  weitem  nicht  so  verändert,  in  Stil
und  Wortbildung,  als  in  dem  gleichen  Zeitraum  vorher.

Dieses  Abschleifen  der  Sprache,  diesen  Verlust  an  Wohlklang,
  unleugbar  einen  großen  Übelstand,  ganz  zu  hemmen  wird
allerdings  nicht  möglich  sein.  Allein  ihm  einen  Damm  entgegen-*7)

  Als  Beispiel  dienen  das  Französische  und  Englische,  wo  durch  dieses
Abschleifen  die  Orthographie  mit  der  Aussprache  in  den  lächerlichsten  Widerspruch
  geraten  ist.