232 Bauernunruhen. Artikel der „Press“. Komödie Gortschakows. Sein strenges Fasten.
202. Bericht vom 3. Mai 1861 an Minister v. Schleinitz, betr. Unruhen
infolge der Bauerngesetzgebung im Gouvernement Pensa und religiöse
Unruhen im Gouvernement Kasan. — Vgl. Raschdau II 89.
203. Privatschreiben an Minister v. Schleinitz.
[Eigenhändig.]
3. Mai 1861.
Verehrtester Freund und Gönner
Napier benachrichtigt mich plötzlich, daß er heut abend einen Kurier schickt, und da
ich, am hiesigen Charfreitage, die Kanzlei nicht bei der Hand habe, so füge ich den wenigen
fertigen Berichten einige Zeilen eigner Hand hinzu.
Viel Eindruck macht hier der Artikel der Press, in welchem zum erstenmal eine
englische Zeitung die Polen zugunsten Rußlands verurteilt; das Journal de St. Petersbourg
hat ihn sofort reproduziert. Er ist fast zu russisch grün gefärbt, um als ganz eingeborenes
Produkt englischer Publizistik angesehen werden zu können. Für Gortschakow
hat er den Wert einer Reklame an die Adresse seiner Pariser Geschäftsfreunde, und eines
Beweismittels, welches dem Kaiser gegenüber betätigt, daß die Besserung der Beziehungen
zu England mit Erfolg angestrebt wird. Daneben erleiden die täglichen Besprechungen
mit Montebello, deren Inhalt Thun, Napier und mir mit keiner Silbe
angedeutet wird, keine Unterbrechung. Wohl aber suchen M. und G. ihre Beziehungen
neuerdings weniger ins Auge fallen zu lassen; jeder von ihnen spricht, als hätte er den
andern längere Zeit hindurch nicht gesehn. Ich gehöre, nebst Sutzos, dem griechischen
Kollegen, zu den Bevorzugten, die auch in der heiligen Woche und ungemeldet Zutritt
haben; da passe ich denn doch ziemlich jedesmal auf die Fährte des Franzosen, und meine
Frage an den Portier, ob „der Botschafter" noch da ist, findet stets eine Antwort, die beweist,
daß er entweder da war oder erwartet wurde oder Billett-Austausch stattgefunden hat.
Gortschakow ist von den Fasten, die er in voller Strenge beobachtet, d. h. nichts genießt, was
von lebendem Tier herrührt, Fisch und mit Tierkohle geläuterten Zucker eingerechnet,
ganz erschöpft²) er klagt mir, daß der Franzose ihm in seiner Zudringlichkeit keine Ruhe
ließe, diktiert in meiner Gegenwart eine ablehnende Antwort auf Montebellos Verlangen
nach einer Unterredung und befiehlt im Nebenzimmer leise und russisch, sie nicht abzuschicken.
Er fühlt also nach allen Seiten hin das Bedürfnis, für weniger französisch gehalten zu
werden. In der nächsten Woche denke ich den Feldjäger zurückzuschicken und dann ausführlicher
zu schreiben.
Von den Vorgängen in den Provinzen hört man wenig; die Berichte der Adjutanten
bleiben streng geheim. Doch verlautet, daß im Gouvernement Astrachan die Truppen
gegen die Raskolniks (Sektierer) eingeschritten sind und 70 Tote auf dem Platze gelassen
haben.
Ich weiß nicht, ob zu Ihrer Zeit hier³) schon die Freundin Adlerbergs, des alten, Frau
von Burghof, existierte, im Volk unter dem Namen Minnawanna, Minna Iwanowna, be-1)
Die Urschrift hat, wie bei allen in dem 1905 bei Cotta erschienenen Briefwechsel Bismarcks mit Schleinitz
veröffentlichten Stücken, mir nicht vorgelegen.
2) Vgl. Nr. 201. 3) Schleinitz war 1838—1840 in Petersburg Gesandtschaftssekretär gewesen.