Full text: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Dritter Band. (3)

374 Der Feldzug im Osten vom 7. Juli bis 13. Nov. 1913 
Die Schlacht bei Wilna war der letzte Versuch, große Teile des 
russischen Feldheeres in der Bewegung zu erfassen, einzukreisen und zu 
vernichten. Es war zugleich der lehte Versuch der deutschen Heeresleitung, 
das Glück noch in diesem Jahre zu zwingen und die ausschlaggebende 
Kriegsentescheidung im Osten mit einem einzigen Sensenschwung an sich zu 
raffen. Damit paarte sich — aus einer strategischen Wurzel entsprungen — 
der Versuch, das russische Südheer in Wolhynien zu schlagen, über Rowno 
auf Kiew zu werfen und das wolhynische Festungsdreieck zu erobern. Das 
war groß gedacht, aber die Ausführung dieser kühnen strategischen Idee 
stand unker dem Einfluß neuer Durchbruchsschlachten, die sich im Westen 
und am Isonzo vorbereiteten, litt unter dem Feldzug gegen die Serben, zu 
dem man sich in Berlin und Wien im August entschlossen hatte, und er- 
forderte abermals größere Mittel, als den Mittelmächten zur Verfügung 
standen. Noch einmal begann sich die Zerstreuung der Kräfte fühlbar zu 
machen und tat dem Vorteil der Kriegführung auf der inneren Linie im 
entscheidenden Augenblick abermals Abbruch. 
Der Fall Grodnos war das Zeichen zum Zusammenschluß der deutschen 
Schlachtordnung zwischen der Düna und dem Oginskykanal zum lonzentrisch 
gedachten Vormarsch gewesen. Von diesem Augenblick an griffen die Be- 
wegungen der Heeresgruppen des Prinzen Leopold und des Feldmarschalls. 
v. Hindenburg scharf ineinander, schritten die Korps der Generale Woyrsch, 
Scheffer-Boyadel, Gallwihz, Scholtz und Eichhorn nach einheitlich gefügtem 
Plane zum Angriff auf die russischen Nordwestarmeen, während Below 
die Nordarmee und die Petersburger Reservearmee an der Düna in Fesseln 
schlug. Prinz Leopold folgte der Weisung, den linken Flügel der russischen 
Nordwestarmeen von der Jasiolda und der Zelwianka auf Slonim und die 
Schara zu werfen und die Linie Baranowitschi—Lida zu erreichen, Gallwitz 
rückte am Rjemen aufwärts, um Hand in Hand mit Scheffer und Scholtz 
Lida zu gewinnen, Eichhorns rechter Flügel überschritt die Bahn Grodno—. 
Orany.Wilna und ging gegen die Linie Lida—Wilna vor, und Eichhorns 
verstärlter linker Flügel hielt vor Wilna im Kampfe mit der russischen 
Hauptmacht stand und suchte den Weg in des Feindes offene Flanke. 
Von der Kodra bis zur Beresina 
Als Gallwit und Scholtz am 5. September in den Njemenwinkel 
einzubrechen suchten, wurden sie von starkem Feind empfangen. Die Russen 
schritten zu Gegenstößen und ließen Artillerie spielen, um sich am Rjemen 
und an der Kodra zu behaupten, und wichen erst am 8. September auf 
Skidiel und Piesti. Der Weglnoten Skidiel ging dreimal von Hand zu 
Hand. Am 12. September war der Russe von Gallwitz und Scholgz auf