Weisungen an Goltz wegen des französischen Kompensationsprojekts. 107
von einer amtlichen Behandlung abzusehen, welche voraussichtlich die unmittelbar bevorstehende
Unterzeichnung der Friedenspräliminarien und des Waffenstillstandes erschwert,
vielleicht verhindert haben würde.
Diese Andeutungen konnten mich indes nicht auf solche Anforderungen vorbereiten,
wie es diejenigen sind, mit welchen der Botschafter gleich nach meiner Ankunft hervorgetreten
ist. Ew. pp. erhalten in der Anlage Abschrift des Schreibens des Herrn Benedetti
nebst dem Projekt der geheimen Konvention in drei Artikeln;³ und meine Unterredung
mit dem Botschafter ergab, daß auch die Abtretung von Mainz darin mit eingeschlossen
sein soll.
Diesmal bestand der Botschafter darauf, daß ich die Vorschläge Seiner Majestät dem
Könige amtlich vorlegen solle, obgleich ich ihn von vornherein versicherte, daß so maßlose
Anforderungen wie diese, welche alle unsere Befürchtungen weit hinter sich zurückließen,
ebensowenig Aussicht hätten, von Seiner Majestät dem Könige angenommen zu werden,
als meine eigene Überzeugung mir gestattete, sie zu befürworten.
Daß ich mich in meiner Voraussicht über die Gesinnung Seiner Majestät des Königs
in dieser Beziehung nicht getäuscht habe, brauche ich nicht erst zu erwähnen.
Vor dem Kriege waren mir durch Personen aus der vertrauten Umgebung des
Prinzen Napoleon Vorschläge, welche von dem Kaiser selbst auszugeben schienen, zugekommen,
in denen für Frankreich das linke Rheinufer vom Süden her bis Koblenz hin, aber
mit Ausschluß von Mainz und Koblenz gefordert wurde.“ ⁴ Ich konnte diese Vorschläge
bei Seiner Majestät dem Könige nicht befürworten, obgleich damals als Gegenleistung
ein aktives Bündnis gegen Österreich unter Betheiligung Frankreichs mit
300 000 Mann ⁵ und als schließliche Frucht die Vergrößerung Preußens um etwa acht
Millionen Bevölkerung dargeboten wurde und bei der Ungewißheit, die damals noch bei
uns über die Chancen eines Krieges mit Österreich herrschte, ein solches Bündnis von entscheidender
Wichtigkeit für uns sein konnte.
Wie sollen wir es uns erklären, wenn jetzt nach einem glücklichen Kriege, wo wir
jener Gegenleistung nicht mehr bedürfen, Forderungen gestellt werden, welche eine kaum
geringere Landabtretung und durch den Einschluß von Mainz eine politisch und strategisch
viel wichtigere Position enthalten, während zugleich das Maß dessen, was wir behalten
sollen, auf die Hälfte reduziert wird?
Welches ist dabei der Gedanke und die letzte Absicht des Kaisers Napoleon?
Die durch Ew. pp. erhaltenen freiwilligen und positiven Zusicherungen, daß er für sich
selbst nichts verlange, hatten uns glauben lassen, daß jenes eben angedeutete System der
Kompensationen verlassen worden sei. Sie hatten uns zu großer Beruhigung gereicht, nicht
nur indem sie uns die Gewißheit zu geben schienen, daß die augenblicklichen Früchte unseres
Sieges von Frankreich nicht angefochten werden, sondern auch ganz besonders, weil sie
uns das Vertrauen gewährten, daß der Kaiser in richtiger Würdigung der Situation
Europas den wahren und größten Gewinn für Frankreich nicht im Erwerb irgendeines
Territoriums, sondern in der Änderung der politischen Kombinationen, in der Loslösung
Preußens von der nordischen Koalition, in der Unabhängigkeit und freien Bewegung
einer norddeutschen Macht sehe, deren Interessen den französischen Interessen nicht entgegenstehen.
Indem durch diese Befreiung Preußens von äußeren, für Frankreich feind- 3 Siehe
den Text bei H. Oncken, Die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III.von 1863 bis 1870, II, 21 f.
4 Vgl. dazu Gesammelte Werke V, Nr.362 S.518
5 Die Worte: „unter Betheiligung ..." Einschub Bismarcks.