Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

Weisungen  an  Goltz  wegen  des  französischen  Kompensationsprojekts.  107

von  einer  amtlichen  Behandlung  abzusehen,  welche  voraussichtlich  die  unmittelbar  bevorstehende
  Unterzeichnung  der  Friedenspräliminarien  und  des  Waffenstillstandes  erschwert,
vielleicht  verhindert  haben  würde.

Diese  Andeutungen  konnten  mich  indes  nicht  auf  solche  Anforderungen  vorbereiten,
wie  es  diejenigen  sind,  mit  welchen  der  Botschafter  gleich  nach  meiner  Ankunft  hervorgetreten
  ist.  Ew.  pp.  erhalten  in  der  Anlage  Abschrift  des  Schreibens  des  Herrn  Benedetti
nebst  dem  Projekt  der  geheimen  Konvention  in  drei   Artikeln;³  und  meine  Unterredung
mit  dem  Botschafter  ergab,  daß  auch  die  Abtretung  von  Mainz  darin  mit  eingeschlossen
sein  soll.

Diesmal  bestand  der  Botschafter  darauf,  daß  ich  die  Vorschläge  Seiner  Majestät  dem
Könige  amtlich  vorlegen  solle,  obgleich  ich  ihn  von  vornherein  versicherte,  daß  so  maßlose
Anforderungen  wie  diese,  welche  alle  unsere  Befürchtungen  weit  hinter  sich  zurückließen,
ebensowenig  Aussicht  hätten,  von  Seiner  Majestät  dem  Könige  angenommen  zu  werden,
als  meine  eigene  Überzeugung  mir  gestattete,  sie  zu  befürworten.

Daß  ich  mich  in  meiner  Voraussicht  über  die  Gesinnung  Seiner  Majestät  des  Königs
in  dieser  Beziehung  nicht  getäuscht  habe,  brauche  ich  nicht  erst  zu  erwähnen.

Vor  dem  Kriege  waren  mir  durch  Personen  aus  der  vertrauten  Umgebung  des
Prinzen  Napoleon  Vorschläge,  welche  von  dem  Kaiser  selbst  auszugeben  schienen,  zugekommen,
  in  denen  für  Frankreich  das  linke  Rheinufer  vom  Süden  her  bis  Koblenz  hin,  aber
mit  Ausschluß  von  Mainz  und  Koblenz  gefordert   wurde.“ ⁴  Ich  konnte  diese  Vorschläge
  bei  Seiner  Majestät  dem  Könige  nicht  befürworten,  obgleich  damals  als  Gegenleistung
  ein  aktives  Bündnis  gegen  Österreich  unter  Betheiligung  Frankreichs  mit
300  000   Mann ⁵  und  als  schließliche  Frucht  die  Vergrößerung  Preußens  um  etwa  acht
Millionen  Bevölkerung  dargeboten  wurde  und  bei  der  Ungewißheit,  die  damals  noch  bei
uns  über  die  Chancen  eines  Krieges  mit  Österreich  herrschte,  ein  solches  Bündnis  von  entscheidender
  Wichtigkeit  für  uns  sein  konnte.

Wie  sollen  wir  es  uns  erklären,  wenn  jetzt  nach  einem  glücklichen  Kriege,  wo  wir
jener  Gegenleistung  nicht  mehr  bedürfen,  Forderungen  gestellt  werden,  welche  eine  kaum
geringere  Landabtretung  und  durch  den  Einschluß  von  Mainz  eine  politisch  und  strategisch
viel  wichtigere  Position  enthalten,  während  zugleich  das  Maß  dessen,  was  wir  behalten
sollen,  auf  die  Hälfte  reduziert  wird?

Welches  ist  dabei  der  Gedanke  und  die  letzte  Absicht  des  Kaisers  Napoleon?

Die  durch  Ew.  pp.  erhaltenen  freiwilligen  und  positiven  Zusicherungen,  daß  er  für  sich
selbst  nichts  verlange,  hatten  uns  glauben  lassen,  daß  jenes  eben  angedeutete  System  der
Kompensationen  verlassen  worden  sei.  Sie  hatten  uns  zu  großer  Beruhigung  gereicht,  nicht
nur  indem  sie  uns  die  Gewißheit  zu  geben  schienen,  daß  die  augenblicklichen  Früchte  unseres
Sieges  von  Frankreich  nicht  angefochten  werden,  sondern  auch  ganz  besonders,  weil  sie
uns  das  Vertrauen  gewährten,  daß  der  Kaiser  in  richtiger  Würdigung  der  Situation
Europas  den  wahren  und  größten  Gewinn  für  Frankreich  nicht  im  Erwerb  irgendeines
Territoriums,  sondern  in  der  Änderung  der  politischen  Kombinationen,  in  der  Loslösung
Preußens  von  der  nordischen  Koalition,  in  der  Unabhängigkeit  und  freien  Bewegung
einer  norddeutschen  Macht  sehe,  deren  Interessen  den  französischen  Interessen  nicht  entgegenstehen.
  Indem  durch  diese  Befreiung  Preußens  von  äußeren,  für  Frankreich  feind- 3 Siehe

  den  Text  bei  H.  Oncken,  Die  Rheinpolitik  Kaiser  Napoleons  III.von 1863 bis 1870,  II, 21 f.  
4 Vgl.  dazu  Gesammelte  Werke  V,  Nr.362  S.518        

5  Die  Worte:  „unter  Betheiligung  ..."  Einschub  Bismarcks.