698 Nebersict über die volitische Eutwichelnus des Jahres 1909.
Besuch ab. Daß die Spannung mit Rußland nicht überwunden
wurde, lag auch an der Enthüllung, daß Iswolski der Annexion
Bosniens prinzipiell schon am 19. Juni und bei der Buchlauer
Zusammenkunft im September 1908 zugestimmt hatte, daß aber sein
damit verbundener und von Aehrenthal gutgeheißener Plan, die
freie Durchfahrt durch die Dardanellen zu erlangen, an dem Wider-
spruche, den er in London fand, scheiterte (S. 431 f.). In der
Sprödigkeit Iswolskis im persönlichen Verkehr mit dem öster-
reichischen Botschafter in Petersburg fand das „diplomatische Duell“
zwischen Iswolski und Aehrenthal seinen Nachhall.
Dem Nationalitätenhader suchte die Regierung durch
Sprachverordnungen das wichtigste Streitobjekt zu entziehen. Aber
die Vorlage eines Gesetzentwurfs, in Böhmen einsprachige und zwei-
sprachige Gerichtssprengel und Verwaltungsbezirke einzuführen und
nach der Zugehörigkeit ihrer Bevölkerung gleichmäßig zu verteilen,
führte im Abgeordnetenhause Cisleithaniens zu so bedenklichen Aus-
schreitungen der Tschechisch-Radikalen und Tschechen, daß der Reichs-
rat am 5. Februar geschlossen werden mußte. Nach einer Um-
bildung des Ministeriums versuchte der Ministerpräfident Freiherr
v. Bienerth eine Aussöhnung der feindlichen Parteien durch Ver-
handlungen mit ihren Führern. Sie blieben erfolglos, weil die
Tschechen das Gesetz dem böhmischen Landtag überwiesen wissen
wollten, wo fie die Mehrheit haben, die Deutschen aber sich weigerten,
die Politik der Obstruktion bei jedem Versuche, den böhmischen
Landtag wieder zu konstituieren, aufzugeben, solange sie keine Ga-
rantien gegen die Benachteiligung in der Landesverwaltung haben.
Dagegen erhalten die vier rein-deutschen Kronländer Niederöster-
reich, Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg trotz des Wider-
standes der tschechischen Minister die gesetzliche Einführung des
Deutschen als alleiniger Landessprache am 2. November. Dieser
Erfolg der Deutschen erbitterte die Tschechen zu neuem Kampfe im
Reichsrat. Sie versuchen die Sitzungen durch Dauerreden über
Dringlichkeitsanträge in die Länge zu ziehen, um die Erledigung
der parlamentarischen Geschäfte zu verhindern. So hatte das cis-
leithanische. Abgeordnetenhaus vom 15. bis 19. Dezember eine
ununterbrochene Sitzung von 86 Stunden. Diese Art von Ob-