September 1908. 311
In den freundlichsten Ausdrücken wurde Herrn Sturdzas gedacht,
der den Abend vorher Norderney verlassen hatte. Der nahezu achtzigjährige
Mann hatte ohne Sekretär und sogar ohne Diener die Reise hierher
gemacht. Eine spartanische Natur. Er ist der Schwager Poeter Carps.
Aber die beiden Staatsmänner standen sich stets als Gegner gegenüber
— Carp der Führer der Jumimisten (eine Nebenlinie der Konservativen),
Sturdza der Führer der Liberalen. Die Fürstin wendet auf die beiden
Häuser das Wort von den Capuleti und Montecchi an und meint: „Aber
hier war der Abschluß gottlob günstiger als bei Shakespeare. Es hat glücklicherweise
nicht tragisch geendet, wie bei Romeo und Julic. Sie haben
vielmehr einander geheiratet — Sturdzas vortrefflicher Sohn und Carps
sehr reizende Tochter, und auch die Väter sind längst miteinander versöhnt."“
Die Fürstin kommt auf Wien zu sprechen, wo sie nun seit acht Jahren,
seit dem Herbst 1900, nicht mehr gewesen ist, dem Jahre, in welchem ihr
Gemahl zum Reichskanzler ernannt wurde. „Freilich“, bemerkt die Fürstin,
„würde mich heute ein Aufenthalt in Wien etwas schwermütig stimmen,
denn so viele meiner dortigen Bekannten sind hingestorben. Und ganze
Häuser sind nicht mehr, in denen ich mich einst wohl gefühlt — so das Haus
Wertheimstein“.
Die Fürstin rühmt es, daß Fräulein v. Wertheimstein in so edler Weise
Haus und Park der Stadt Wien hinterlassen habe.
Die Rede kommt auf den verstorbenen Eduard Hauslick. Die Fürstin
teilt die in seinem Buche „Vom musikalisch Schönen“ ausgesprochene Ausfassung,
daß es für das Schöne keine allgemein gültigen Gesetze geben
könne, daß vielmehr das Schöne sich in den verschieden organisierten Individuen
verschieden darstelle und daß die veredelte Persönlichkeit auch nach
einer veredelteren Schönheit verlange als das rohere Individuum.
Dann wurde davon gesprochen, daß bedeutende Menschen so schwer
den Wert anderer bedeutender Menschen zu erkennen vermögen.
Herr Sapellnikow fiel ein: „Einem Tolstoi sagt ein Ibsen nichts.“
Sapellnikow ist ein interessanter Kopf. Er hat etwas Starkes und
Ausdrucksreiches in seinem Wesen. Er spricht voll Entzücken über das Leben
in Berlin, das mehr Werden, Bewegung und Ringen aufweise als in Paris,
Er rühmt, wie die heutige deutsche Runst, wenn auch in Gärung begriffen.
doch voll Juhalt, Ernst und auch Idcalismus sei.
Der Kanzler unterbricht unsere Konversation. Er ladet mich ein, ihm
ein wenig auf sein Arbeitszimmer zu folgen.
Es ist etwas von der ernsten Stimmung dieses nördlichen Meeres auf
diesem Raum. An den Wänden hängen einige farbige Stiche, altpreußische