Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

552  Schweit.  (Juni  16.—18.)

16.—18.  Juni.  (Bern.)  Internat.  Konferenz  der  Kulturvereine.

Vertreten  sind  29  Verbände  der  verschiedenen  kriegführenden  und
neutralen  Länder  durch  Delegierte  oder  schriftliche  Zustimmungserklärungen.
Die  Leitung  hat  der  Vorstand  des  Bundes  für  Menschheitsinteresse  (Borf.
Prof.  Dr.  Broda).  Das  Büro  wird  aus  Angehörigen  der  einander  bekämpfenden
  Staaten  gebildet.  Grundgedanke  der  Verhandlungen  ist,  die
an  der  Wiederherstellung  friedlicher  Kulturarbeit  interessierten  Kräfte  in
den  heute  einander  bekämpfenden  Ländern  zu  einheitlicher  Friedensaktien
zusammenzufassen.

18.  Juni.  Fall  Grimm-Hoffmann.

Aus  Bern  wird  gemeldet:  Das  „Reutersche  Büro“  sowohl  wie  die
„Petersb.  Tel.-Ag.“  bringen  eine  Mitteilung,  betr.  die  Uebermittlung  des
Angebotes  eines  deutschen  Friedens  in  Petersburg  durch  Bundesrat
  Hoffmann,  Chef  des  politischen  Departements,  vermittels  des  in  den
letzten  Wochen  dort  weilenden  schweiz.  soz.  Nationalrates  R.  Grimm-Bern.

Zu  dieser  Angelegenheit  verbreitet  die  „Schweiz.  Dep.-Ag.“  folgende
amtliche  Darstellung  des  Bundesrats:  „Am  27.  Mai  1917  hatte  Nationalrat
  Grimm  die  schweiz.  Gesandtschaft  in  Petersburg,  wo  er  sich  damals
aufhielt,  ersucht,  dem  Bundesrat  Hoffmann  ein  Telegramm  zu  übermiteein.
in  welchem  er  in  der  Hauptsache  ausführte,  das  Friedensbedürfnis  sei  allgemein
  vorhanden,  ein  Fwedenschluß  sei  in  politischer,  wirtschaftlicher  und
militärischer  Hinsicht  eine  zwingende  Notwendigkeit,  die  Erkenntnis  hiervon
sei  an  maßgebender  Stelle  vorhanden.  Die  einzig  mögliche  und  gefährlichne
Störung  aller  Verhandlungen  könnte  nur  durch  eine  deutsche  Offeniive
im  Osten  erfolgen;  unterbleibe  diese  Störung,  so  werde  eine  Liquidation
in  relativ  kurzer  Zeit  möglich  sein.  Daran  wurde  die  Bitte  geknüpft,
Bundesrat  H.  möchte  über  die  ihm  bekannten  Kriegsziele  der  Regicrungen
Nationalrat  Gr.  unterrichten,  da  die  Verhandlungen  dadurch  erleichtert
würden.  Am  3.  Juni  1917  ist  folgendes  chiffriertes  Antworttelegramm  an
die  Schweiz.  Gesandtschaft  in  Petersburg  abgegangen:  „Bundesrat  Hoffmann
ermächtigt  Sie,  Grimm  folgende  mündliche  Mitteilungen  zu  machen:  Es
wird  von  Deutschland  keine  Offensive  unternommen  werden,  so  lange  mit
Rußland  eine  gütliche  Einigung  möglich  scheint.  Aus  wiederholten  Besprechungen
  mit  prominenten  Persönlichkeiten  habe  ich  die  Ueberzeugung,
daß  Deutschland  mit  Rußland  einen  beiderseits  ehrenvollen  Frieden
anstrebt  mit  künftigen  engen  Handels-  und  Wirtschaftsbeziehungen  und
finanzieller  Unterstützung  für  den  Wiederaufbau  Rußlands,  Nichteinmischung
in  Rußlands  innere  Verhältnisse,  freundschaftliche  Verständigung  über  Polen,
Littauen  und  Kurland  unter  Berücksichtigung  ihrer  Völkereigenart,  Räckgabe
  des  besetzten  Gebietes  gegen  Rückgabe  des  von  Rußland  besetzten  Gebietes
  an  Oesterreich-Ungarn.  Ich  bin  überzeugt,  daß  Deutschland  und  jeine
Verbündeten  auf  den  Wunsch  von  Rußland  und  seinen  Verbündeten  sofort
in  Friedensverhandlungen  eintreten  würden.  Bezüglich  der  Kriegsziele  nach
dieser  Seite  verweise  ich  auf  die  Kundgebung  in  der  „Nordd.  Allg.  Zig.“
(s.  Tl.  1  S.  612  f.),  worin  die  grundsätzliche  Uebereinstimmung  mit  Asquith  über
die  Frage  der  Annexionen  behauptet  wird.  Deutschland  wolle  keine  Gebietserweiterungen
  zum  Zwecke  der  Vergrößerung  sowie  der  politischen  und
wirtschaftlichen  Erweiterung.“

Dieses  Telegramm  ist  von  unbefugter  Seite  entziffert  und  in  der
Zeitung  „Socialdemokraten“,  dem  Organ  Brantings,  in  Stockholm  veröffentlicht
  worden.  Dieser  Schritt  ist  von  Bundesrat  Hoffmann  ohnc  iede
Beeinflussung  im  Interesse  der  Förderung  eines  baldigen  Friedens  und
damit  im  eigenen  Landesinteresse  unternommen  worden.“