Full text: Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

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Reichstag. — 195. Sitzung. Domnerstag den 24. Oktober 1918. 
  
  
(Kreth. Abgeordneter.) 
(A) — Die Landwirte sind keine Drückeberger! Die Landwirte, 
die reklamiert sind, sind nötig zur Volksernährung. Wenn 
Sie auf das Land hinausgehen würden, um dort die 
Acker zu bestellen, so würden die Landwirte gerne an die 
Front gehen. Ich glaube, die Landwirtschaft und ihre 
Vertreter in den Parlamenten haben in diesem Kriege ge- 
zeigt, daß sie sich vor den feindlichen Kugeln nicht fürchten; 
sie halten den Vergleich mit jeder anderen Erwerbsgruppe 
durchaus aus. Aber wenn eine Wirtschaft zugrunde gehen 
würde, wenn kein Mann da ist, der sie leitet, dann ist 
es für die Volksernährung nötig, daß auch Kriegs- 
verwendungsfähige für die Heimarbeit reklamiert 
werden. Das wissen Sie ebensogut wie ich. Es 
paßt Ihnen aber, als Aogitationsmittel gegen die 
Landwirtschaft, fortgesetzt wieder zu behaupten, daß zu 
viel Landwirte reklamiert werden. 
Meine Herren! Ich habe wegen der Heranziehung 
der Drückeberger seit langer Zeit mit dem Kriegsministerium 
in lebhaftem Schriftwechsel gestanden, und ich muß an- 
erkennen, daß in jedem einzigen Falle, der von mir mit- 
geteilt ist, ausführliche Antwort erteilt worden ist, die 
meistens darauf hinausging, daß die Untersuchung der 
Sache die Berechtigung der von mir eingereichten, mir 
zugegangenen Beschwerden nicht erwiesen hätte. Aber, 
meine Herren, wenn man hier in Berlin zum Beispiel 
zufällig einmal zu einer Zeit, in der die elegante Gesell- 
schaft dort flantert, über die Tauentzienstraße geht, dann 
sieht man, daß dort noch Dutzende von jungen eleganten 
Leuten herumlaufen, die sehr viel besser und zweckmäßiger 
an der Front, im Schützengraben wären. 
(Zurufe rechts.) 
— Ja, Hunderte und Tausende! Ich komme ja sehr 
selten einmal dorthin und ich habe Zählungen nicht vor- 
nehmen können. Jederfalls aber ist allgemeine Entrüstung 
darüber, daß so viele Kriegsverwendungsfähige dort hernm- 
Wenn man Vertreter des Volkes und Männer 
des Volkes zu allen möglichen Dingen heranzieht, auch 
zu denen, von denen sie nichts verstehen, zum Beispiel auch 
zum Regieren, 
(sehr gut! rechts — Lachen links) 
so sollte man sie auch zu den Dingen heranziehen, von 
denen sie etwas verstehen, nämlich zur Begutachtung der 
Reklamationen und zur Entscheidung, ob Leute wirklich 
zur Aufrechterhaltung einer Wirtschaft oder eines Ge- 
werbes nötig sind oder nicht. Das verstehen wir besser 
als die Herren vom Militär, wieviel Angestellte in kauf- 
männischen Betrieben freigelassen werden müssen. Wir 
haben in dieser Beziehung unglaubliche Zustände. Wenn 
ein großes Unternehmen sagt: ich kann soundsoviel Leute 
abgeben, ich kann soundsoviel Kriegsverwendungsfähige 
entbehren, so werden diese Leute inzwischen von einer 
anderen Stelle vielleicht mit niedrigerem Gehalt an- 
genommen und wieder reklamiert, sodaß hier immer die- 
selben Reklamierten von einem Unternehmen zum andern 
ehen, und wenn sie auf keine andere Weise es erreichen 
önnen, daß sie während des Krieges in der geliebten 
Heimat bleiben, dann richten sie eine Munitionsfabrik 
oder eine ähnliche Fabrik ein und werden dann reklamiert. 
Meine Herren, da ziehe man Leute aus dem Erwerbs- 
leben heran, gebe ihnen eine militärische dekorative Be- 
deckung und lasse Leute aus der Praxis mitreden, dann 
werden Sie noch eine kleine Armee auf diese Weise an 
die Front schicken können, die ausgeruht ist, was auch 
etwas wert ist. 
(Sehr richtig! rechts.) 
Meine Herren, die Reden der Vertreter der Mehr- 
heitsparteien, die wir gehört haben, spannen ziemlich den 
gleichen Faden, die eine etwas feiner, die andere etwas 
gröber. Dem Herrn Bizebanzler gebührt bei meiner 
Beurteilung, die ich hier anknüpfen möchte, natürlich schon 
  
dem Range nach der Vortritt. 
parlamentarischer Minister noch neu, und infolgedessen 
fällt er noch ab und zu in die Rolle des fortschrittlichen 
Parteiführers. Bei der Leichtigkeit, mit der der Herr 
Vizekanzler in anderen Fragen umgelernt hat, hoffe ich, 
daß er auch auf diesem Gebiete bald umlernen wird, 
(sehr gutl rechts) 
und sich den Gepflogenheiten anpassen wird, die im Muster- 
lande des Parlaments, in England, üblich sind. 
(Sehr gutl rechts.) 
Da kommen die Minister auch aus den Reihen der Mehr- 
heit. Aber wenn sie ex cathedra sprechen, dann sprechen 
sie nur für den Staat und nicht für die Partei. UÜberdies 
glaube ich, in der Fortschrittspartei sind so viel aus- 
gezeichnete und redegewandte Mitglieder dieses Hauses, 
daß er das den Herren ganz ruhig überlassen könnte, daß 
sie uns vernichten, wie sie es schon seit Jahrzehnten mit 
großem Erfolge tun. 
(Heiterkeit und sehr gutl rechts.), 
Der Herr Vizekanzler hat sich mit großem Nachdruck 
dagegen verwahrt, daß er als Parteimann gesprochen 
habe. Er wird aber, wenn er inzwischen Zeit gehabt hat, 
die Rede des Grafen Westarp nachzulesen, zugeben, daß 
Graf Westarp sich nicht darüber beschwert hat, daß die 
Konservativen nicht in das Koalitionsministerium hinein- 
genommen wurden, sondern daß er lediglich eine Tatsache 
festgestellt hat. Ich stelle sonst dem Herrn Vizekanzler 
einen stenographischen Bericht dieses Passus der Rede 
des Herrn Grafen Westarp zur Verfügung. 
Daß das Urteil des Grafen Westarp, daß der Herr 
Vizekanzler als Parteimann gesprochen habe, richtig ist, 
das erkennt einer der hervorragenden Monitore der 
neuen Regierung, das „Berliner Tageblatt“, an, indem 
es schreibt: 
Herr v. Payer wandte sich dann der Rechten des 
Hauses zu und polemisierte sehr glücklich. Im (D) 
Kampfe wider die Konservativen hat er ja stets 
eine scharfe Klinge geführt Mit feiner 
Ironie fügte er, mit einer Handbewegung gegen 
die unter ihm sitzenden Konservativen, wie Westary, 
Heydebrand und Genossen, beschwichtigend hinzu: 
„Vierzig Jahre lang sind die Mitglieder der Re- 
gierung aus den Kreisen der Konservativen ge- 
wählt worden. Da können die Konservativen 
auch einmal vierzig Jahre lang kaltgestellt 
bleiben." 
Der Herr Vizekanzler wird mir zugeben, daß diese Form 
des Redens eines leitenden Staatsmannes, von der 
Bundesratstribüne aus an eine Partei gerichtet, wenigstens 
außergewöhnlich ist. 
(Sehr richtig! rechts. — Zurufe links.) 
— Nun, irgendeine parteipolitische Polemik hat keiner von 
den Vorgängern des Herrn Vizekanzlers führen können, 
weil die Herren politisch wie auch sonst in ihrem ganzen 
Wesen gänzlich farblos waren. 
(Große Heiterkeit rechts. — Nal nal links.) 
Recht wohlfeil war die Bemerkung, die wir nun schon 
so oft haben hören müssen: „Die Koservativen sind mit 
unseren Maßnahmen unzufrieden, weil ihnen die Reformen 
zu weit gehen und zu schnell kommen, und die Unab- 
hängigen Sozialdemokraten wieder sind unzufrieden, weil 
ihnen die Reformen nicht schnell genug kommen und nicht 
weit genug gehen. Infolgedessen befinden wir uns auf 
dem rechten Mittelwege.“ Meine Herren, das ist doch, 
glaube ich, ein Schema F, das nicht jedesmal wiederholt 
zu werden braucht. Wenn es vom Regierungstisch doch 
einmal angewandt werden sollte, dann empfehle ich, ruhig 
zur Ersparung von Zeit und Papier zu erklären: Schema F. 
Dann wissen die Unabhängigen, was Sie zu denken haben, 
wir wissen es auch, und der Beifall der Mehrheitsparteien 
Ihm ist die Rolle als (O