Full text: Verhandlungen des Reichstags. 314. Band. (314)

Reichstag. — 195. Sitzung. Dommerstag den 24. Oktober 1918. 
  
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(Kreth, Abgeordneter.) 
(ist den Herren vom Regierungstisch unter allen Umständen 
sicher. Die Sache ist dann kurz und schmerzlos zur Be- 
friedigung aller Teile erledigt. 
(Zurufe links.) 
Was nun die Antwort des Herrn Vizekanzlers be- 
trifft: „Bierzig Jahre lang sind die Mitglieder der Re- 
gierung = den Kreisen der Konservativen gewählt 
worden,“ ennt der Herr Vizekanzler, was bei ihm als 
Württemberger ja nicht wunderzunehmen braucht, entweder 
die preußische Parlaments= und Regierungsgeschichte recht 
mangelhaft, oder er hat, was ich natürlich nicht annehme, 
etwas gesagt, nur um Effekt zu machen, ohne sich zu 
überlegen, daß überhaupt, solange Preußen und das Reich 
existieren, jedenfalls seit Bismarcks Abgang nicht ein ein- 
ziger konservativer Parlamentarier in eine leitende Stellung 
gekommen ist. 
(Ohl ohl links.) 
— Ja, meine Herren, wenn sie jeden einzelnen, der „von“ 
heißt oder einen guten Rock anhat, für einen Konservativen 
halten, dann haben Sie allerdings recht! Aber dann gibt 
es auch unter Ihnen manchen, der in den Verdacht ge- 
raten kann, zu uns zu gehören. Aber wenn Sie das 
nicht tun, sondern wenn Sie auf die parteiamtliche Ab- 
stempelung des einzelnen achten, dann werden Sie sagen 
müssen: es ist hier niemals ein Konservativer Reichs- 
kanzler gewesen, es ist niemals ein Konservativer Staats- 
sekretär gewesen. 
(Zurufe.) 
— Wer? — Alle? Ach ja, vom Standpunkt des Herrn 
Haase aus ist ja Herr Landsberg ein ganz gefährlicher 
Konservativer. Es kommt darauf an, von welchem Stand- 
punkte man ausgeht. Wen wir für konservativ halten, 
Herr Kollege Fegter, das müssen Sie gütigst uns über- 
lassen. Wir schenken Ihnen die ganze Gesellschaft der 
Reichskanzler einen nach dem anderen; die stehen Ihnen 
(8) als Freisinnigen viel näher als uns. Außerdem, meine 
Herren, mache ich Sie auf eins aufmerksam. Sie haben 
uns ja mit einer dicken Träne in Ihrem braven Freisinns= 
auge vorgeworfen, wir hätten alle diese Leute gestürzt, 
beseitigt, und nun sollen wir so töricht gewesen sein, 
unsere politischen Busenfreunde alle in die Wolfsschlucht 
zu werfen, bloß damit Sie Anlaß zur Trauer haben? 
(Heiterkeit.) 
Also ich stelle fest, daß wir zu der Zeit, wo angeblich die 
Regierung konservativ sein sollte, keine konservative Re- 
terung hatten; wir lehnen jede Verantwortung für diese 
Regienungen ab. Wir haben nie Staatsämter für uns 
erstrebt, aber mancher von uns ist von diesen angeblich 
konservativen Regierungen stark gemaßregelt worden. Ein 
schreckliches Beispiel dafür steht vor Ihnen. 
(Zurufe.) 
— Ach Gott, ich bin ja ganz vergnügt, meine Herren, sonst 
müßte ich vielleicht gar noch unter dieser Regierung dienen. 
(Große Heiterkeit.) 
Daß das ein berechtigter Anlaß zum Selbstmord für einen 
Konservativen ist, das können Sie mir nachfühlen. 
Nun meinte der Herr Vizekanzler, es wär bei der 
Bildung eines Ministeriums, und gerade in der heutigen 
Zeit, nötig, nur Männer zu wählen, die einem einheit- 
lichen, klaren, erhabenen Ziele folgten. Durchaus einver- 
standen! Das ist eine Tatsache, eine altbekannte Weis- 
heit, deren Aussprache vielleicht im gegenwärtigen Moment 
durchaus nützlich war. Wir befanden uns nur in einem 
Irrtum. Wir dachten, dies eine erhabene, klare Ziel 
wäre in diesem Augenblick gegeben, das wäre die Rettung 
des Deutschen Reiches, die Rettung des Vaterlandes aus 
schwerster Not. 
(Sehr richtig! rechts.) 
Um dieses Ziel hätten wir uns alle versammeln können. 
Aber wenn man neben diesem noch andere Ziele erreichen 
  
  
will, dann, meine Herren, hat man manches, was man in (O) 
der Schule gelernt hat, vergessen, besonders diesen einen 
guten alten Vers aus der Ilias: ig o-n'ss deroe, 
dspecchde r##t ackoc: „Das Vaterland zu schützen, das 
ist das einzige Wahrzeichen."“ 
(Sehr gut rechts.) 
Wir haben immer danach gehandelt; sie haben uns ja 
selbst in ihrer Presse attestiert: die Konservativen können 
wir so schlecht behandeln, die Leute sind ja so gut und 
brav, die werden immer alles tun, was das Vaterland 
von ihnen verlangt; 
(sehr richtig! rechts) 
und das ist auch fast das einzige, meine Herren, worin 
Sie sich bei der Beurteilung der Konservativen noch nicht 
geirrt haben. 
(Sehr gut! rechts. — Zurufe.) 
— Ja, meine Herren, das würde Ihnen passen, bei Ihrer 
kolossalen Ubermacht, tagelang auf uns herumzupauken, 
und wir sollen dann nachher bescheiden im Winkel stehen! 
Wir haben von Ihnen das Opponieren schon ganz nett 
gelernt, wir haben glänzende Beispiele von Ihnen, und 
wenn auch jetzt noch etwa Erziehung und ererbte Hinder- 
nisse uns beengen, zum Beispiel, daß wir höfliche Menschen 
sind, so werden wir diese allmählich bei eifrigem Bemühen 
auch noch ablegen. 
Nun wurde uns vom Herrn Vizekanzler gesagt: wir 
konnten euch in dieses Ministerium gar nicht hinein- 
nehmen, weil ihr dann bei wichtigen Sachen, bei den 
Reformen, bei den Friedensfragen sofort widersprochen 
hättet. Das erinnert etwas an das Wort von Geoethe: 
Du sollst mich nicht durch Widerspruch verwirren, 
Denn wenn du widersprichst, beginn ich schon zu 
rren. 
Das steht im Widerspruch zu dem, was Herr Naumann 
sagte. Herr Naumann, ein Parteifreund des Herrn Vize- 
kanzlers, betonte, es wäre ein Vorzug des parlamenta- 
rischen Systems, daß Uneinigkeit innerhalb der Regierung 
gar nicht vorkommen könnte. Man kann es ruhig dahin- 
gestellt sein lassen, wer hier recht hat. Sobald man die 
Köpfe — auch wenn sie hohl sind — zählt, hat die 
Mehrheit immer recht. In dem alten System aber wäre 
es vorgekommen, so sagt Herr Naumann, daß zwischen 
Herrn v. Bethmann Hollweg, dem Reichskanzler, und dem 
Marinestaatssekretär Herrn v. Tirpitz ein Zwiespalt ge- 
herrscht hätte. Sie hätten mit verschiedenen Zungen ge- 
redet und hätten abweichende Meinungen in entscheidenden 
Fragen gehabt. Nein, meine Herren, diese Zwiespältigkeit 
zwischen v. Bethmann Hollweg und v. Tirpitz war kein 
Unglück, der Zwiespalt in dem Wesen des Herrn v. Beth- 
mann, seine große Entschlußlosigkeit, war das Unglück! 
(Sehr gutl rechts.) 
In der Friedensfrage sind wir alle einig in der 
Richtung, daß wir alle den Frieden wollen. Die Friedens- 
sehnsucht im deutschen Volke ist groß, vielleicht ebenso 
groß bei den feindlichen Völkern, und wir Konservativen 
sind die letzten, die nicht herzlich wünschen, daß der Frieden 
bald zustande käme. Aber, wie der Frieden aussehen goll, 
darüber werden wir wohl verschiedener Ansicht sein. Den 
Wunsch haben wir, daß der Frieden für das deutsche Volk 
vorteilhaft ist, daß er dessen Zukunft in wirtschaftlicher 
und politischer Beziehung sichert, in allen Nuancierungen 
und Abschattierungen, in Einzelfragen werden wir anderer 
Ansicht sein, in dem Ziel selbst sind alle Parteien einig. 
Nun meinte der Herr Vizekanzler, Graf Westarp 
habe unrecht mit seiner Behauptung, der Reichstag wäre 
seit Eintritt der parlamentarischen Regierung über 
parlamentarische Fragen weniger unterrichtet worden als 
bisher. Das ist nach den Nachrichten, die ich habe, nicht 
richtig. Bei der Beantwortung der ersten Note des 
Präsidenten Wilson ist jedenfalls die konservative Fraktion