20 Die Reichsbank von 1901 bis zum Ausbruch des Weltkrieges
im Frühjahr 1909 durchgreifender und die nachfolgende Abschwächung während
der Sommermonate nicht mehr so allgemein und tief gewesen als im Jahre 1908,
so erwies sich das Herbstgeschäft bereits wieder als der Ansatz zu einem längere
Dauer versprechenden allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit der friedlichen
Beilegung des österreichisch-serbischen Konflikts, zu dem die Angliederung
Bosniens und der Herzegowina an die Österrreichisch-Ungarische Monarchie
Anlaß gegeben hatte, war ein ernstes Hindernis für die lebhaftere Gestaltung des
Wirtschaftslebens, insbesondere auch für den Börsenverkehr beseitigt worden.
Die Börsen waren nach langer Zeit wieder der Schauplatz einer Hausse, die zeitweilig
einen ziemlich stürmischen Charakter annahm. Damit Hand in Hand ging
ein Ansteigen der Inanspruchnahme der Reichsbank seitens der privaten Wirtschaft.
Dies führte in Verbindung mit der sich immer noch geltend machenden
starken heimischen Kreditanspannung am 20. September zur Heraufsetzung des
Diskont auf 4% und am 11. Oktober unter der Rückwirkung einer empfindlichen
Versteifung des Geldstandes in London im Zusammenhange mit einer außerordentlichen
Geldnachfrage für die großen getreideliefernden Länder zu einer
Erhöhung auf 5.
Das Jahr 1910 ließ ein ziemlich allgemeines, wenn auch nicht überall
gleichmäßiges Erstarken der Geschäftstätigkeit erkennen, obschon es den Erwartungen
nicht ganz entsprach, die sich an die Anzeichen eines wirtschaftlichen
Ausschwunges im Herbst 1909 geknüpft hatten. Von den großen Industrien
befand sich hauptsächlich die Roheisengewinnung auf die Dauer in starkem Aufschwunge,
an dem die weiter verarbeitenden Industrien etwas abgeschwächt teilnahmen.
Eine günstigere Gestaltung der deutschen Handelsbilanz befestigte die
Unabhängigkeit des deutschen Geldmarktes dem Auslande gegenüber. Die Inanspruchnahme
der Reichsbank ging vorzugsweise im Wege der Wechseleinreichung
vor sich. Ihr Bestand an Reichsschatzanweisungen war bis Mitte
April 1910 auf weniger als 100 Millionen Mark herabgesunken und hat sich in
diesem Jahr nur noch an vereinzelten Ausweistagen um mäßige Beträge über
diesen Stand hinaus erhöht. Der 5% ige Bankdiskont, mit dem das Jahr 1910
begann, ist bereits am 21. Januar auf 4½% und am 10. Februar auf 47/ ermäßigt
worden. Eine weitere Herabsetzung auf 3/%, wie im Vorjahre, war nicht mehr
angängig. Am 26. September mußte die Bank zum 5%igen Satze zurückkehren.
Im Jahre 1911 trat die weiter unten näher zu erörternde Bankgesetznovelle
vom 1. Juni 1909 (RGBl. S. 515), welche das Privilegium der Reichsbank
bis zum Schlusse des Jahres 1920 festlegte, in Kraft. Die im Vorjahre schon