Full text : Die Reichsbank 1901-1925. (2)

88  Zweites  Buch.  II:  Heinrich  und  König  Konrad.

Großartiges  hervor,  und  etwas  unvergleichlich  Großartiges  sind  die  Kreuzzüge
  jedenfalls,  wie  man  sie  auch  sonst  beurteilen  möge.

Während  unter  den  Königen  Balduin  II.  und  Fulko  (1118—1143)  das
Königreich  Jerusalem  mit  seinen  Lehenslandschaften  Edessa,  Antiochien
und  Tripolis  zur  höchsten  Blüte  gelangt  war,  begann  unter  der  Regierung
von  Fulkos  unmündigem  Sohne  Balduimn  III.  der  schnelle  Verfall  der  mit
so  großen  Opfern  gestifteten  Herrschaft.  Sultan  Emadeddin  Zenki  eroberte
in  der  Weihnachtsnacht  des  Jahres  1144  das  wichtige  Edessa,  tötete  oder

1145  unterjochte  dessen  christliche  Bewohner  und  siedelte  viele  Türken  in  der  Stadt
an).  Dieses  Ereignis  erregte  bei  den  morgenländischen  Christen  sowohl  wie
bei  den  abendländischen  große  Trauer,  denn  Edessa  galt  für  die  festeste  Vormauer
  der  christlichen  Herrschaft  in  Kleinasien“").

Sofort  bemächtigte  sich  die  schwärmerische  Stimmung,  die  einst  den
Papst  Urban  II.  so  kräftig  unterstützt  hatte,  abermals  des  westlichen  Europas.
Daerschien  der  Bischof  von  Byblus  in  Syrien*“,)  in  Deutschland  und  Frankreich
  und  erzählte  von  dem  Glanz  und  der  Kraft  des  Priesters  Johannes.  Allgemein
  glaubte  man  dem  Spruch  eines  Orakels,  der  französische  König
Ludwig  werde  nicht  allein  Konstantinopel,  sondern  auch  Babylon  erobern
und,  wie  einst  Herkules  und  Cyrus,  den  ganzen  Orient  zu  seinen  Füßen
sehenf).

Das  Zeichen  zur  Unternehmung  des  Kreuzzuges  gab  wirklich  Ludwig  VII.
von  Frankreich.  Schon  lange  begehrte  er,  das  Gelübde  seines  verstorbenen
Bruders  Philipp  selbst  auszuführen.  Deshalb  wandte  er  sich  an  Papst

Dezember  Eugen  III.  und  erhielt  von  diesem  eine  kräftige  Aufforderung  an  alle  Gläu--1146

  bigen,  den  bedrängten  Brüdern  in  Palästina  zu  Hilfe  zu  eilenff).  Mit  der

Verkündigung  des  heiligen  Krieges  beauftragte  der  Papst  den  Abt  Bernhard

von  Clairvaux,  den  berühmtesten  aller  damaligen  Geistlichen,  später  heilig

Ostern  gesprochen.  Zu  Vezelay  nahmen  von  ihm  König  Ludwig,  dessen  Gemahlin
und  unzählige  Edle  und  Geringe  das  Kreuz  zum  heiligen  Zugeffss).

Aber  auch  auf  andere  Weise  äußerte  sich  der  fanatische  Eifer  der  Menge.
„Was  nützt  es,“  rief  Abt  Peter  der  Ehrwürdige  von  Clugny  aus,  „in  entfernten
  Gegenden  die  Feinde  des  Christentums  aufzusuchen,  wenn  die  gottes- 



5  Krit.  Erört.,  IIe.

#  Wilken,  Geschichte  der  Kreuzzüge,  II,  p.  728.

*#½%  Episcopus  Gabulensis;  Otto  Fris.,  Chron.  VII,  33.

4)  Otto  Fris.,  Prologus  ad  Gesta  Friderici  I.  imp.  (Schulausgabe),  P.  8.

1)  Anon.  Sazo,  p.  107.  —  Annales  Herbipolenses,  M.  G.  Ss.  XVI,  p.  3.  —  Otto
.,  G.  P.  I.  i.  I.,  35.36.  Merkwürdig  ist  es,  welche  Motive  derreisuer  soel  dem

Papste  für  seine  Kreuzzugsermahnung  unterschiebt:  Qui  [Eugenius  tecessorum

  suorum  exempla  revolvens,  qucd  videlicet  Urbanus  hujus  modi  cocasione  transmarinam

  ecclesiam  duasdne  patriarchales  sedes  ab  obedientia  Romanasesedis  scinsas

in  pacis  unitatem  receperit,  votis  praedicti  regis  annuit.  Also  nur,  um  die  päpftliche

Macht  zu  vergrößern!

ff  Sigeberti  Continuatio  Praemonstratensis,  M.  G.  Ss.  VI,  p.  453.  —  Martöne

e·et  Durand,  Amplissima  Collectio  II.  praet.  p.  XI.