Full text : der Weltkrieg 1914. Band 2. (1)

                                                 —  859  —

England  selbst  verzichtete  nunmehr  darauf,  seine  Konferenzidee
weiter  zu  verfolgen,  und  unterstützte  auch  seinerseits  den  Gedanken  der
direkten  Verhandlungen  zwischen  Wien  und  Petersburg  (Blaubuch  67).

Diese  begegneten  jedoch  Schwierigkeiten,  und  zwar  Schwierigkeiten,
die  nicht  von  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn,

sondern  von  den  Entente-Mächten
herbeigeführt  wurden.  Sollte  Deutschlands  Bemühen  gelingen,  so  bedurfte
  es  des  guten  Willens  der  nicht  unmittelbar  engagierten  Mächte,
es  bedurfte  aber  auch  des  Stillhaltens  der  Hauptbeteiligten,  denn  wenn
eine  der  beiden  Mächte,  zwischen  denen  vermittelt  werden  sollte,  die  im
Gange  befindliche  Aktion  durch  militärische  Maßnahmen  störte,  so  war
von  vornherein  klar,  daß  diese  Aktion  nie  zum  Ziele  gelangen  konnte.

Wie  stand  es  nun  mit  dem  guten  Willen  der  Mächte?

Wie  Frankreich  sich  verhielt,  ergibt  sich  mit  Deutlichkeit  aus  dem
französischen  Gelbbuche.  Es  traute  den  deutschen  Versicherungen  nicht.
Alle  Schritte  des  deutschen  Botschafters,  Freiherrn  v.  Schoen,  wurden
mit  Mißtrauen  ausgenommen,  sein  Wunsch  auf  mäßigende  Einwirkung
Frankreichs  in  Petersburg  wurde  nicht  beachtet,  denn  man  glaubte  annehmen
  zu  sollen,  daß  die  Schritte  Herrn  v.  Schoens  nur  dazu  bestimmt
waren,  va  compromettre  la  France  au  regard  de  la  Russie  Aus  dem
französischen  Gelbbuch  ergibt  sich,  daß

      Frankreich  keinen  einzigen  positiven  Schritt  im  Interesse
                                                des  Friedens
getan  hat.

Was  für  eine  Haltung  hat  England  angenommen?  In  den  diplomatischen
  Gesprächen  gab  es  sich  den  Anschein,  bis  zur  letzten  Stunde  zu
vermitteln,  aber  seine  äußeren  Handlungen  hatten  es  auf  eine  Demütigung
  der  beiden  Dreibundmächte  abgesehen.  England  war  die  erste
Großmacht,  die  militärische  Maßnahmen  in  großem  Stile  anordnete  und
dadurch  eine  Stimmung  insbesondere  bei  Rußland  und  Frankreich  schuf,
die  allen  Vermittlungsaktionen  im  höchsten  Grade  abträglich  war.  Es
ergibt  sich  aus  dem  Bericht  des  französischen  Geschäftsträgers  in  London
vom  27.  Juli  (Gelbbuch  Nr.  66),  daß  schon  am  24.  Juli  der  Befehlshaber
der  englischen  Flotte  diskret  seine  Maßnahmen  für  die  Zusammenziehung
der  Flotte  bei  Portland  getroffen  hatte.

Großbritannien  hat  also  früher  mobilisiert  als  selbst  Serbien.

Großbritannien  hat  sich  ferner  ebenso  wie  Frankreich  geweigert,  in
Petersburg  mäßigend  und  zügelnd  einzuwirken.  Auf  die  Meldungen  des
englischen  Botschafters  in  Petersburg,  aus  denen  ganz  klar  hervorging,
daß  nur  eine  Mahnung  an  Rußland,  mit  der  Mobilisation  einzuhalten,
die  Situation  retten  konnte,  hat  Sir  E.  Grey  nichts  getan,  sondern  die
Dinge  gehen  lassen,  wie  sie  gingen.  Zu  gleicher  Zeit  hat  er  aber  geglaubt,
daß  es  nützlich  sein  würde,  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn,  wenn
auch  in  nicht  ganz  klarer  Weise,  doch  deutlich  genug  darauf  hinzuweisen,
daß  sich  auch  England  an  einem  europäischen  Kriege  beteiligen  könnte.
Zu  derselben  Zeit  also,  wo  England  sich  nach  dem  Fallenlassen  seiner
Konferenzidee  den  Anschein  gab  zu  wünschen,  daß  sich  Oesterreich-Ungam
auf  Deutschlands  Vermittelung  hin  nachgiebig  zeigen  sollte,  weist  Sir
Edward  Grey  den  österreichisch-ungarischen  Botschafter  in  London  auf