Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

Vol  Vorwort.

wenig  ziemen,  auch  liegt  sie  wahrlich  nicht  in  meinen  Gewohnheiten.
Allein  es  wäre  mir  eine  Feigheit  erschienen,  wenn  ich  der  Besprechung
  von  Verlangen  ausgewichen  wäre,  welche  ich  für  durchaus
  unbegründet  erachte  und  die  Vieles  bedrohen,  was  ich  mein
Leben  lang  als  gerecht  und  nützlich  betrachtet  habe  und  zu  fördern
nach  meinen  schwachen  Kräften  bemüht  war.  Dass  ein  weltgeschichtlicher
  Process  —  und  ein  solcher  ist  der  Kampf  der  katholischen
Kirchengewalt  gegen  den  Staat  der  Gegenwart  —  nur  wenig  beeinflusst
wird  durch  die  Stimme  eines  Einzelnen,  ist  freilich  wahr;  allein  wenn
er,  wie  hier  der  Fall  ist,  schliesslich  doch  nur  durch  die  Ueberzeugung
der  Mehrheit  entschieden  werden  kann,  so  ist  es  Recht  und  Pflicht
zur  Bildung  einer  richtigen  allgemeinen  Meinung  beizutragen.  Der
ganze  Streit  ist  freilich  beklagenswerth,  und  wäre  es  auch  nur  desshalb,
  weil  der  itzigen  Zeit  auch  ohne  ihn  die  Lösung  so  vieler  schwieriger
  Aufgaben  zugefallen  ist,  dass  es  aller  aufzubringenden  Kräfte
und  eines  allseitigen  guten  Willens  zu  ihrer  Gewältigung  bedurft
hätte.  Die  Schuld  trifft  aber  nicht  die  Vertheidigenden,  sondern  die
Angreifer.  Die  Bürger  des  so  hart  verurtheilten  Rechtsstaates  und
die  Kinder  der  als  gottlos  bezeichneten  Gesittigung  der  Gegenwart
hätten  recht  gerne  Zeit  und  Kräfte  anderen  Zwecken  gewidmet.

Wie  viel  wirklicher  Ernst  und  wie  viele  bewusste  Paradoxie  der
geneigte  Leser  in  den  zum  Schlusse  gegebenen  kurzen  Aufstellungen
finden  will,  ist  seinem  Scharfsinne  überlassen.  In  keinem  Falle  kann
es  schaden,  wenn  auch  an  Sätzen,  welche  gewöhnlich  als  höchst  einfach
  und  für  immer  entschieden  betrachtet  werden,  gezeigt  wird,
dass  die  Dinge  eine  Rückseite  zu  haben  pflegen,  und  dass  eigenes
Denken  immer  an  der  Stelle  ist.

München  im  November  1868.

Mohl.