Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zwanzigster Jahrgang. 1904. (45)

48  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  10.—12.)

1000  als  Ersatz.  Wenn  ich,  um  das  sogenannte  Koalitionsrecht  zu  beobachten,
  die  guten  1000  Arbeiter  draußen  abweisen  und  die  unzuverlässigen
  Arbeiter  behalten  wollte,  so  wäre  das  pflichtwidrig.  Wir  behalten
unsere  Arbeiter  dauernd,  1  v.  H.  sind  über  70  Jahre  alt,  1  v.  H.  sind
über  40  Jahre  im  Dienst.  Nur  3  v.  H.  der  Arbeiter  scheiden  von  uns
aus.  Das  zeigt,  daß  ein  guter  Geist  unter  unseren  Arbeitern  herrscht.
Etwa  60  v.  H.  unserer  Lehrlinge  kommen  aus  unseren  Arbeiterfamilien.
Die  Eisenbahnen  dienen  im  Kriege  unserem  Aufmarsch,  die  Sozialdemokraten
  haben  aber  internationale  Vereinbarungen  und  wollen  auch  dann
kommandieren,  daß  die  Räder  still  stehen.  Beim  holländischen  Streik  haben
die  ledigen  Arbeiter  nur  eine  Unterstützung  von  7  Mark  bekommen  können.
Die  bürgerlichen  Parteien  müssen  sich  klar  machen,  was  ein  Eisenbahnerstreik
  für  unser  ganzes  gewerbliches  Leben  bedeuten  würde.  Es  ist  unrecht,
wenn  hier  gesagt  wird,  wenn  die  Wünsche  der  Beamten  nicht  erfüllt  werden,
  würden  sie  Sozialdemokraten.  (Zustimmung  rechts.)  Schließlich  sagen
sich  die  Leute  selbst,  wir  haben  ein  Recht,  Sozialdemokraten  zu  werden,
unser  Abgeordneter  hat  es  selbst  gesagt.  (Zustimmung  rechts.)

10.  März.  Der  Reichstag  genehmigt  nach  kurzer  Debatte
gegen  die  Stimmen  der  Sozialdemokraten  eine  Vorlage,  die  dem
schleswig--holsteinischen  Fürstenhause  dieselben  Sonderrechte  wie  dem
vormals  hannoverschen,  hessischen  und  nassauischen  Hause  zugesteht.

11./15.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Zweite
Beratung  des  Etats  des  Ministeriums  des  Innern.

Es  wird  hauptsächlich  diskutiert  über  die  Polenfrage,  namentlich
die  Schreibweise  polnischer  Namen,  die  Diskussion  preußischer  Angelegenheiten
  im  Reichstag  wie  in  der  Frage  der  russischen  Untertanen,  die
Zigeunerplage,  die  Maßregelung  welfischer  Ortsvorsteher,  Arbeitslast  der
Landräte  und  Amtsvorsteher,  Lage  der  Gendarmen,  Fürsorgeerziehung
Minderzähriger.

12.  März.  (Bremerhaven.)  Der  Kaiser  tritt  auf  dem
„König  Albert“  vom  Norddeutschen  Lloyd  eine  Reise  ins  Mittelmeer

  an.
März.  (Baden.)  Beratungen  über  die  Verfassungsreform.

Die  „Mannheimer  Volksstimme“  veröffentlicht  die  Ergebnisse  der
geheim  geführten  Kommissionsberatung  über  die  Verfassungsreform.  Die
Hauptsätze  sind:  Der  Regierungsentwurf  hat  bei  der  Mitgliedervermehrung
der  Ersten  Kammer  neben  den  bisherigen  Vertretern  der  beiden  Landesuniversitäten
  einen  Vertreter  der  Technischen  Hochschule,  drei  der  Handelskammern,
  zwei  von  den  Landwirtschaftskammern  und  einen  von  den  Handwerkskammern
  gewählten  Vertreter  vorgesehen.  Die  Verfassungskommission
reduzierte  die  Gesamtzahl  der  Vertreter  der  Hochschulen  auf  zwei,  beläßt
es  aber  im  übrigen  bei  den  Bestimmungen  der  Vorlage  und  schließt  einen
Vertreter  von  der  Organisation  der  Arbeiter  als  Abgeordneten  ein,  sobald
die  Arbeiterkammern  durch  Reichs-  oder  Landesgesetz  beschafft  sind.  Weiter
bestimmt  die  Vorlage  zu  der  Ersten  Kammer,  daß  der  Großherzog  statt
wie  bis  jetzt  acht  später  zehn  Mitglieder  ernennen  solle,  worunter  vier  aus
der  Zahl  der  Oberbürgermeister  (in  Städten,  die  unter  der  Städteordnung
stehen)  und  der  Bürgermeister  der  Gemeinden  von  mehr  als  3000  Einwohnern.
  Die  Kommission  beschloß,  daß  die  vier  Bürgermeister  von  den
Mitgliedern  der  Bürgerausschüsse  der  Städte  selbst  zu  wählen  sind.  Von