Metadaten : Europäischer Geschichtskalender. Siebenter Jahrgang. 1866. (7)

Vebersicht  der  Ereignise  des  Tahres  1866.

507

aber  seine  Politik  gegen  Preußen  war  doch  längst  eine  bloß  defen-Preußen.

sive;  äußerlich  hatte  es  sich  noch  eine  große  Stellung  in  Deutschland
erhalten,  innerlich  aber  mehr  und  mehr  aus  Deutschland  zurückgezogen;
  befangen  in  dem  ihm  historisch  überlieferten  Ideenkreise  mußte
es  mit  diesem  und  in  demselben  Grade  wie  dieser  von  Tag  zu  Tag
an  Boden  in  Deutschland  verlieren.  Thatsächlich  waren  es  am  Ende
nur  die  Interessen  der  zahlreichen  Dynastien,  die  für  ihre  bedrohte
Souveränetät  in  Oesterreich  Schutz  gegen  Preußen  suchten,  die  jene
Stellung  noch  stützten  und  zu  erhalten  suchten.  Auch  diese  Stützen
waren  durch  die  Politik  Oesterreichs  seit  1864  wankend  geworden.
Aber  trotz  alledem  bedurfte  es  doch  einer  letzten  gewaltigen  Anstrengung,
  um  die  realen  Machtverhältnisse  zur  Anerkennung  zu  bringen,
mußte  Preußen  alle  seine  Kräfte  zu  einem  wuchtigen  Schlage  zusammenfassen,
  mußte  es  unläugbar  seine  Existenz  selber  dransetzen,
wenn  es  sein  Ziel  erreichen  wollte.  Das  war  denn  auch  der  Grund,
warum  die  preußische  Politik  in  neuerer  Zeit  so  häusig  den  Stempel
  einer  gewissen  Unentschiedenheit  trug,  der  den  Eindruck  der
Schwäche  machte.  Jetzt  war  der  Mann  gesunden,  der  keine  Schwäche
kannte  und  bereit  war,  die  ungeheure  Verantwortlichkeit  auf  sich  zu
nehmen.  Es  ist  ganz  undenkbar,  daß  es  dem  Grafen  Bismarck  nicht
klar  vor  der  Seele  stand,  was  er  für  sich,  was  er  für  seinen  Staat
für  den  Fall  einer  Niederlage  wagte.  Allerdings  dürfte  es
wahrscheinlich  sein,  daß  Preußen,  auch  wenn  es  bei  Königgrätz,
oder  in  einer  Schlacht  auf  den  Ebenen  Sachsens  oder  vor  den  Thoren
  Berlins  geschlagen  worden  wäre,  und  selbst  wenn  die  Oesterreicher
  in  Berlin  eingezogen  wären,  sich  noch  nicht  wie  Oesterreich
besiegt  gegeben  hätte,  aber  daß  der  Graf  Bismarck  persönlich,  nach
der  ersten  Niederlage  der  Preußen  verloren  gewesen  wäre,  das  ist
wohl  außer  Frage.

Auch  die  Lage  Europa's  und  die  Stimmung  der  übrigen
Großmächte  bereitete  dem  preußischen  Staatsmanne  Schwierigkeiten,

doch  erschien  ihm  dieselbe  im  Ganzen  nicht  ungünstig.  Rußland  Rußlaad.

legte  Preußen  wenigstens  keinerlei  Hindernisse  in  den  Weg.  Egs
scheint  zwar,  daß  der  Kaiser  von  Rußland  den  König  von  Preußen
und  zwar  wiederholt  und  dringend  von  Schritten  abzuhalten  suchte,
deren  Tragweite  nicht  zum  voraus  berechnet  werden  konnte.  Eine
Vertoickelung  auf  beschränktem  Terrain  konnte  dagegen  Rußland  unter