Uebersichl der politischen Enlwickelung des Jahres 1881. 515
chinesische Truppen und zwar in bedeutender Anzahl gegenüberstanden,
die sie aus Mangel an hinreichenden Streitkräften nicht
so leicht zu überwältigen vermochten. Die französische Regierung
hatte denn auch wiederholt starke Truppennachschübe nach Tongking
schicken müssen, was sie sehr ungerne that, weil der Dienst in dieser
fernen Kolonie in Frankreich nichts weniger als populär war und
das mörderische Klima die Nachschübe binnen kurger Zeit dezimierte,
so daß die französische Armee in Tougking zu einem vollen Erfolge
doch alsbald wieder zu schwach war. Endlich brach im Jahre 1884
der Krieg mit China, der bisher von diesem nur verdeckt geführt
worden war, offen aus. Frankreich war damit im Grunde nicht
unzufrieden: denn es hatte nunmehr wenigstens freiere Hand gegen
China und beschloß auch sofort, gegen dieses die Offensive zu ergreifen.
Die französische Flotte unter dem Oberbefehl des Admirals
Courbet erhielt den Befehl zu einer Expedition gegen die große
Insel Formosa, die indes nicht recht gelang; Courbet bombardierte
ferner die chinesischen Arsenale von Fu-Tschen und schoß sie zusammen,
indes ohne dadurch den Trotz der Chinesen zu brechen, und
besetzte später die Fischerinseln, was aber von geringem Belang war.
Genug, am Ende des Jahres standen die Franzosen in Tongking
so ziemlich da, wo sie zu Anfang desselben gestanden hatten, nur
daß sie in diesen tongkingesischen Abgrund neuerdings eine nicht
unerhebliche Anzahl von Menschenleben und eine sehr bedeutende
Anzahl von Millionen an Schiffsmaterial und an Kriegsmaterial
aller Art geworfen hatten. Der Erfolg war kein entscheidender und
stand auch gar nicht in Aussicht. Ein solcher wäre nur möglich
gewesen, wenn Frankreich sozufagen seine ganze Flotte in die chinesischen
Gewässer geschickt und dazu überdies noch 50,000 Mann, um
direkt auf Peking loszumarschieren. Dazu konnte sich jedoch Ferry
unmöglich verstehen: er hatte sich zwar in die verschiedenen Kolonialunternehmungen
förmlich verbissen, weil er durch Erfolge sein Regiment
verstärken zu können wähnte; allein zu einer so großen
Anstrengung hätten die Kammern auch niemals die Hand geboten
und auch nur ein Bersuch hätte leicht vielmehr seinen Sturz herbeiführen
können, da das Land derartiger Abenteuer vollkommen
satt war. Das Land verlangt nach Ruhe und nur in dem Hexenkessel
Paris, wo alle Ehrgeizigen, alle Schwätzer, alle zweifelhaften
Existenzen zusammenstnömen, brodelt es fort und fort, ohne daß die
Regierung dagegen viel machen kann.
33“