Full text: Staatslexikon. Erster Band: Abandon bis Elsaß-Lothringen. (1)

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zerfallen in 8 General= und 8 selbständige Pro- 
vinzialgouvernements, an deren Spitze 8 General-, 
12 abhängige und 3 selbständige Provinzial- 
gouverneure stehen. 1. Generalgouvernement Pe- 
tschili mit der Provinz Tschili. Der General- 
gouverneur residiert im Winter in der Provinzial- 
hauptstadt Pauting, im Sommer in Tientsin und 
ist zugleich ekx officio Handelssuperintendent der 
nördlichen Häsen. 2. Das Generalgouvernement 
von Liangkiang umfaßt die Provinzen Kiangsu, 
Nganwei und Kiangsi mit je einem Gouverneur. 
Der Generalgouverneur („Vizekönig“) residiert in 
Nanking und ist zugleich Handelssuperintendent 
der südlichen Häfen. 3. Generalgouvernement von 
Mintsche: unter ihm steht der Gouverneur von 
Tschekiang; die Provinz Fukiön steht direkt unter 
dem in Futschon residierenden Generalgouverneur. 
4. Das Generalgouvernement von Lianghu oder 
Hukwang umfaßt die Provinzen Hupe und Hu- 
nan. 5. Das selbständige Provinzialgouvernement 
der Provinz Honan mit der Residenz Kaiföng. 
6. Das selbständige Provinzialgouvernement der 
Provinz Schentung und Tsinan. 7. Das selb- 
ständige Provinzialgouvernement der Provinz 
Schansi mit Taijuen. 8. Das Generalgouver- 
nement von Schenkan umfaßt die Provinzen 
Schensi, Kangfu, welches direkt unter dem General- 
gouverneur steht, und Chinesisch-Turkestan oder 
die Tienschanländer (das „Neue Gebiet“, Sin- 
kiang) mit der Residenz Urumtschi. Das hierher 
gehörige Gebiet von Ili oder Kuldscha bildet zur 
Zeit eine Art von Militärgrenze unter einem 
Bannergeneral. 9. Das Generalgouvernement 
Setschwan mit der gleichnamigen Provinz und 
der Hauptstadt Tschingtu. 10. Das Generalgou- 
vernement Liangkwang umfaßt die Provinzen 
Kwangtung und Kwangsi. Der Generalgouverneur, 
früher oft Vizekönig von Kanton genannt, residiert 
in Kwangtschou (Kanton). 11. Das General- 
gouvernement von Jünkwei mit dem Sitz in Jün- 
nan umfaßt die Provinzen Jünnan und Kwei- 
tschou. III. Die untertänigen Landschaften stehen 
unter dem Kolonialministerium, von dem die Gou- 
verneure für die Mongolei, Dsungarei und die 
Kakunorlandschaft ressortieren. In Tibet ruht das 
geistliche Regiment in den Händen des Dalai Lama, 
dessen Inthronisation jedoch nicht ohne vorherige 
Genehmigung des Kaisers von China erfolgen 
kann. Die Verwaltung des Landes leiten ein- 
heimische Beamte unter Oberaufsicht einer chine- 
sischen Behörde, an deren Spitze zwei Residenten 
stehen. — Nächst dem Gouverneur folgen dem 
Rang nach der Provinzialsteuerdirektor (Schatz- 
meister) und der Provinzialoberrichter, der seine 
Sitzungen zeitweise auf Rundreisen abhält. Die 
Militärverwaltung führt ein chinesischer General 
oder Admiral; daneben findet sich in einigen Pro- 
vinzen ein Tatarengeneral, der zwar höher im Rang 
ist als der erstere, aber eine geringere Autorität 
hat, da er nur 2—3000 Mann Mandschutruppen 
befehligt. Besondere Behörden beaussichtigen 
China. 
  
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außerdem den Ackerbau, die Akzisen, das Salz- 
monopol usw. 
Der gesamte Beamten stand in China, Kuan, 
von den Europäern Mandarinen genannt, zerfällt 
in neun Rangstufen, von denen jede wieder aus 
einer oberen und einer unteren Abteilung besteht, 
so daß im ganzen 18 Klassen gebildet werden, die 
sich auch äußerlich durch die Kleidung, besonders 
aber durch die Farbe und das Material der Knöpfe 
auf den Mützen unterscheiden. Diese Klasseneintei- 
lung, die im öffentlichen Leben sehr scharf hervor- 
tritt, bezweckt indessen nur eine persönliche Aus- 
zeichnung und ist von dem bekleideten Amt un- 
abhängig. Es kann ein Kuan höheren Rangs 
ein verhältnismäßig niedriges Amt bekleiden, und 
umgekehrt; die Verleihung des Rangs hängt 
allein von der Gnade des Kaisers ab, der nicht 
selten einen Beamten zur Strafe für geringe 
Pflichtversäumnis in eine niedrigere Rangstufe 
versetzt. Als Ordens- und Gnadenzeichen dient 
eine Pfauenfeder hinten auf der Mütze. Die Kuan 
des Zivildienstes haben den Vorrang vor den 
Militärbeamten dersfelben Klasse. Kein Kuan darf 
in der Provinz dienen, in der er geboren ist, 
keiner längere Zeit dasselbe Amt bekleiden, damit 
er nicht zu viel Einfluß erlange. Die Disziplinar-= 
strafen sind streng; besonders Gehaltsabzüge sind 
häufig, was Ubergriffe und Erpressungen zur Folge 
hat. Da Vorschriften und Verordnungen nicht aus- 
reichen, um den ungeheuren Verwaltungsapparat 
in Ordnung zu halten, wird jeder für alle Vor- 
kommnisse in seinem Amtskreis verantwortlich ge- 
macht. Überschwemmung, Hungersnot, Feuers- 
brunst usw. haben schon manchen Kuan um sein 
Amt gebracht. Dazu kommt das bis ins kleinste 
ausgebildete System der beständigen Uberwachung 
und gegenseitigen Verantwortung, welches alle 
Teile des „himmlischen Reichs“ aneinander kittet. 
Der in der Erziehung begründete außerordentliche 
Gehorsam der Chinesen, denen das Gesetz viele 
Pflichten, aber keine Rechte gibt, trägt viel bei 
zur langen Dauer des so verwickelten Verwal- 
tungssystems. . 
Die Provinzen zerfallen in Distrikte (Fu) 
mit einer Bevölkerung von durchschnittlich 2 Mill. 
Bewohnern, diese in Tschou, Hien (etwa 300 000 
Einw.), Se usw. Die Vorsteher führen den Titel 
Tschi mit dem Beisatz Fu, Tschou, Hien usw. 
Vom Tschifu appelliert man an den Schatz- 
meister oder Provinzialoberrichter; den Sitzungen 
der einzelnen Kollegien präsidiert der Gouverneur. 
Für Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung 
sungieren als Organe der Regierung niedere Be- 
amte (Tipau, Konstabler), welche besonders die 
Verordnungender Distriktsvorsteher bekannt machen 
und als Gelderpresser gefürchtet sind. Jeder höhere 
Beamte hat unter sich eine Anzahl Unterbeamte, 
die er selbst ernennt. Diese zahlreichen Amts- 
schreiber, Amtsdiener usw. sind sehr schlecht besol- 
det und beziehen desto höhere Gebühren von den 
Parteien; noch schlechter gestellt sind die Polizei-
	        
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