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vollständig vernichtet. Das spanische Landheer,
das sich damit jeder Aussicht auf weitere Unter-
stützung beraubt sah, kapitulierte am 17. Juli und
wurde nach Spanien eingeschifft. Da die Ameri-
kaner inzwischen auch Porto Rico und die Phi-
lippinen besetzt hatten (Vernichtung der spanischen
Flotte bei Cavite am 1. Mai) und ihre Flotte
nach der Küste Spaniens zu senden drohten, bot
Spanien Frieden an. Nach Einstellung der Feind-
seligkeiten (12. Aug.) kam 10. Dez. unter Frank-
reichs Vermittlung der Friede von Paris zustande,
in dem Spanien Porto Rico und die Philippinen
gegen 20 Mill. Dollars an die Vereinigten
Staaten abtrat und auf alle Rechte auf Kuba ver-
zichtete. Am 1. Jan. 1899 übergab General Ca-
stellanos die Insel an General L. Wood.
Kuba wurde unabhängige Republik, blieb aber
zunächst unter der militärischen Verwaltung der
Union, die nur die Lokalverwaltung den Ein-
gebornen überließ. Am 25. Nov. 1900 trat eine
von der nordamerikanischen Regierung berufene
konstituierende Versammlung zusammen, die am
21. Febr. 1901 eine Verfassung annahm. Der
Präsident der Vereinigten Staaten wurde hierauf
durch Kongreßbeschluß ermächtigt, dem kubanischen
Volk die Regierung zu überlassen, sobald dieses
sich verpflichtete, mit keiner fremden Macht einen
die Unabhängigkeit Kubas gefährdenden Vertrag
abzuschließen, keine Schulden aufzunehmen, zu
der die laufenden Einnahmen nicht ausreichten,
der Unionsregierung ein Interventionsrecht zum
Zweck der Aufrechthaltung der Unabhängigkeit
und der bestehenden Regierung einzuräumen und
das nötige Land zur Anlage von Kohlen= und
Marinestationen zu überlassen. Nachdem Kuba am
12. Juni 1901 diese Bedingungen angenommen
hatte, wurde am 24. Febr. 1902 der erste Prä-
sident, Tomäs Estrada Palma, gewählt und am
20. Mai in sein Amt eingesetzt, womit die ame-
rikanische Verwaltung, die in kultureller und wirt-
schaftlicher Beziehung sehr viel für die Insel ge-
leistet hatte, formell ihr Ende fand. In Wirklichkeit
stand die neue Republik auch weiterhin ganz unter
dem Einfluß der Vereinigten Staaten. Diese er-
hielten Juli 1903 das Recht, Kohlenstationen in
der Bucht von Guantanamo und in Bahia Honda
zu unterhalten, und im Reziprozitätsvertrag vom
27. Dez. 1903 große Handelsbegünstigungen. Die
Unzufriedenheit über diese Bevormundung und
Parteistreitigkeiten bei den Wahlen von 1905
führten zu Aufständen gegen den Präsidenten, als
dieser die Söhne des 1898 verstorbenen Revo-
lutionsgenerals Calixto Garcia und andere Führer
der Liberalen verhaften ließ. Die Aufständischen
fanden besonders in Pinar del Rio und Puerto
Principe Anhang und behaupteten sich trotz einiger
Siege der Regierungstruppen, so daß Palma
Mitte September die Union um Intervention zu
seinen Gunsten ersuchte. Roosevelt entsandte eine
Friedenskommission unter dem Kriegssekretär Taft,
die keine Einigung herbeizuführen vermochte. Als
Kuba.
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Palma, trotz seiner Wiederwahl, am 28. Sept.
1906 unter dem Drucke Tafts zugleich mit dem
Vizepräsidenten sein Amt niederlegte und der zur
Entgegennahme der Verzichterklärung berufene
Kongreß von seinem Recht, einen Nachfolger zu
wählen, keinen Gebrauch machte, übernahm Taft
am 29. Sept. einstweilen die Regierung mit der
Erklärung, daß die Verfassung soweit in Kraft
bleiben solle, als dies mit der Natur einer einst-
weiligen Regierung vereinbar sei. Nachdem Ma-
rinemannschaften und ein 6000 Mann starkes
Expeditionskorps der Union gelandet waren, liefer-
ten die Aufständischen ihre Waffen ab, und Taft
übergab die Regierung an den Gouverneur der
Panamakanalzone, Ch. E. Magoon, als provisori-
schem Gouverneur. Nach Wiederherstellung der
Ruhe wurde die Vornahme neuer Wahlen von
Magoon in Aussicht gestellt; nachdem durch eine
Volkszählung 1907 die Herstellung einer zuver-
lässigen Wählerliste ermöglicht war, erfolgte Sept.
1908 die Wahl des neuen Kongresses, am 14. Nov.
die des Präsidenten (General José Miquel Gomez)
und Vizepräsidenten (Alfredo Zayas). Seit An-
fang 1909 verließen die amerikanischen Besatzungs-
truppen die Insel (die letzten Ende März). Wie
verschiedene Vorgänge der jüngsten Zeit beweisen
(dringliche Vorstellungen wegen Ankaufs von
Waffen und Munition in Deutschland und Nöti-
gung zur Lösung der bereits geschlossenen Kon-
trakte), steht auch die neue Regierung ganz unter
der Vormundschaft der Union und wird, von Auf-
ständen (schon im März) und Verschwörungen
bedroht, wohl kaum von langer Dauer sein.
2. Bevölkerung; Wirtschaft. Die Be-
völkerung der Republik, die einen Flächeninhalt
von 118 833 qkm hat, betrug nach der Zählung
von 1907: 2048 980 (1.074 882 männlich,
974098 weiblich) oder 17 auf den qkm, gegen-
über 1572797 im Jahre 1879. Nach der Rasse
waren 1899 über 32 % Farbige (235 000 Neger,
270 800 Mulatten; 1841 fast 59 % farbig),
57,8 % eingeborne, 9% im Ausland geborne
Weiße. Von der ausländischen Bevölkerung (1907:
228 741) waren 185 393 Spanier, 6713 Nord-
amerikaner, 4280 aus Westindien, 2918 von
Porto Rico, 7948 Afrikaner, 1252 Briten, 1476
Franzosen, 11217 Chinesen. Die Zahl der Ein-
wanderer belief sich 1907/08 auf 31227 Per-
sonen (24 792 Spanier, 1927 Nordamerikaner,
187 Deutsche). Die bedeutendsten Städte sind
Habana (1907: 297159 Einwohner), Santiago
de Cuba (45 470), Matanzas (36 009), Cien-
fuegos (30 100), Camaguey (29 616), Cardenas
(242800.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben durch
die Wirren der letzten Jahrzehnte schwer gelitten
und sich erst seit der amerikanischen Verwaltung
wieder gebessert. Der Ackerbau (hauptsächlich
Plantagenwirtschaft) erstreckt sich besonders auf
Zuckerrohr (1908: 940 100 Tonnen, an ¾ in
den Provinzen Santa Clara und Matanzas) und