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den Weltmarkt, anderseits mit der Entwicklung
des Klassenbewußtseins des Arbeiterstands, hervor-
gerusen durch die Zusammendrängung der Ar-
beitermassen in den Großbetrieben, durch die He-
bung ihrer allgemeinen Bildung und damit ihrer
Lebensansprüche. Alle diese Faktoren zusammen
erzeugten drei politische Strömungen, die teilweise
gegensätzlicher Natur, auf die Wirtschaftspolitik
der letzten 30 Jahre bestimmend einwirken. Es
sind der Imperialismus, die Mittelstandsbewe-
gung und die Arbeiterbewegung. Der Imperialis-
mus ist das spezifische Erzeugnis der Weltwirt-
schaftsentwicklung. Er ist das Streben nach wirt-
schaftlicher Autarkie, aus dem Merkantilzeitalter
ins Zeitalter der Weltwirtschaft übersetzt. Er
drängt nach Bildung größter Wirtschaftsgebiete
in politisch einheitlichem Gebiet; er strebt durch
Angliederung von Kolonien die den Mutterstaaten
fehlenden Rohstoffe zu erlangen. Er steht vielfach
noch auf dem merkantilistischen Standpunkt, der
glaubte, durch Schwächung der konkurrierenden
Staaten sich zu nützen. Die Mittelstandsbewegung
ist die Rückwirkung auf die durch die kapitalistische
Entwicklung und das Freiwirtschaftssystem be-
wirkte Verdrängung und Bedrängung der kleinen
und mittleren Betriebe in den meisten Produk-
tionszweigen. Ihr Streben geht nach Erhaltung
und Festigung des selbständigen kleinen und mitt-
leren Betriebs. Die Arbeiterbewegung bezweckt in
erster Linie ökonomische und soziale Besserstellung
der unselbständigen handarbeitenden Klasse; inso-
fern ist sie Konsumentenbewegung. Darüber hin-
aus aber erstrebt ein großer Teil der Arbeiterschaft
eine Umgestaltung in der Organisation der Pro-
duktion, die die Gesamtheit der Arbeitenden oder
Gruppen derselben zu Eigentümern der Produk-
tionsmittel und zu Leitern des Produktionspro-
zesses machen soll. Diesen drei Richtungen gemein-
sam ist die Anschauung und das Verlangen, der
Staat als höchste Organisationsform der wirt-
schaftenden Gesellschaftskörper solle die Wirtschafts-
bedingungen in der für Erreichung ihrer Ziele
wünschenswerten Richtung regeln. Und zwar ver-
langt der Imperialismus Schutzzoll für alle Pro-
duktionszweige, Erhöhung der Wehrkraft zum
Schutz der wirtschaftlichen Stellung und Kolonial-
wirtschaft. Der Mittelstand verlangt für die
Landwirtschaft Erhaltung der für die Bewirt-
schaftlung durch eine Familie genügenden Betriebs-
einheiten durch Beschränkung der Freiveräußer-
lichkeit. Freiverschuldbarkeit und Freiteilbarkeit
unter Lebenden und im Erbgang (Rentengüter,
Höferecht, Inkorvorierung des Realkredits), ferner
freigenossenschaftliche Zusammenfassung für Zwecke
der Erzeugung, des Absatzes und Beschaffung der
Betriebsmittel; zwangsgenossenschaftliche Organi-
sation für Beschaffung des Realkredits und für
alle Zweige der Versicherung. Für das Gewerbe
zwangsgenossenschaftliche Organisation für Aus-
übung der gewerblichen Verwaltung (Gewerbe-
abgrenzung, Befähigungsnachweis, Anpassung der
Volkswirtschaftspolitik.
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Zahl der Betriebe an den Bedarf, Reglung der
Lehrlingshaltung, gewerbliches Bildungswesen
usw.); Schutz gegen unlautern Wettbewerb, frei-
genossenschaftliche Organisation für gemeinsame
Produktion, Absatz und Kredit usw. Darüber
hinaus verlangen sowohl Landwirtschaft als Ge-
werbe vom Staat Kredit aus Staatsmitteln und
Zollschutz für ihre Produktion. Die Arbeiterschaft
verlangt Festsetzung von Minimallöhnen und
Maximalarbeitszeit, Versicherung des Arbeiter-
stands für Krankheit, Unfall, Invalidität, Alter,
Arbeitslosigkeit, Hinterbliebene unter Mitwirkung
des Staats und der Unternehmer, Organisation
der Arbeiterschaft in Arbeiterkammern, obligato-
rische Schiedsgerichte, Schutz gegen Schädigung
der Gesundheit durch vorbeugende Maßnahmen,
Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. Alle diese
Forderungen, neben denen noch viele andere der
verschiedenen Beamten= und Angestelltenkategorien
des „neuen Mittelstands“ laufen, sind noch in
keinem Staat vollständig erfüllt; den ersten Rang
hierbei nimmt unter den europäischen Staaten das
Deutsche Reich ein. Aber auch die lange zurück-
gebliebenen Weststaaten, England und Frankreich,
haben in den letzten Jahren große Leistungen auf
diesem Gebiet aufzuweisen.
Die nationalökonomische Wissenschaft hat sich
in Deutschland im weitesten Umfang in den Dienst
für die Durchsetzung dieser Forderungen gestellt
(Kathedersozialismus), so daß sie sogar für eine
Zeit ihre wissenschaftlichen Aufgaben darüber ver-
gaß. In den andern Staaten war die Wissenschaft
weit zurückhaltender, sei es daß sie unter Festhalten
der Grundsätze der Freiwirtschaftsschule den staat-
lichen Eingriffen in das Wirtschaftsleben direkt
ablehnend gegenüber stand, oder daß sie die
Aufgaben der Wirtschaftswissenschaft nicht in der
Stellung wirtschaftspolitischer Forderungen er-
blickte. Aber auch in den mitteleuropäischen Staa-
ten machen sich bereits die Anzeichen eines Rück-
schlags gegen die weitgehende Verstaatlichung des
Wirtschaftslebens geltend.
III. Kritisches und Grundsäßzliches. Ganz
abgesehen davon, daß einzelne der Forderungen
der drei genannten wirtschaftspolitischen Strö-
mungen miteinander nicht zu vereinbaren sind,
werden schon Zweifel laut, ob die eingeschlagenen
wirtschaftspolitischen Wege auch wirklich zu den
erstrebten Zielen führen werden. Der Gedanke
der Solidarität im Schutz der protektionistischen
Interessen, der durch einige Zeit das Leitmotiv der
deutschen Volkswirtschaftspolitik und der herr-
schenden Parteien war, ist im Schwinden. Mittel-
stand und Arbeiterstand behaupten vielfach, dieses
System habe dem Imperialismus und mit ihm
den wirtschaftlich führenden Kreisen weitaus mehr
genützt als ihnen. Die Unzufriedenheit mit der
gegenwärtigen Einkommensverteilung, die als
Teuerung die Aufmerksamkeit der gesamten Kul-
turwelt in den letzten Jahren beschäftigt hat und
der die Wissenschaft ziemlich ratlos gegenüberstand,