Delegierten, dem Grafen Czernin, der Befehl seines Kaisers stand,! nicht
ohne den Frieden in der Tasche heimzukommen.
Es fehlte nicht an Komplimenten. Der bulgarische Justizminister Dopow
bescheinigte der russischen Delegation, daß sie das Rechtsgefühl des großen
russischen Volkes verkörpere. Am diesem Gedanken Ausdruck zu verleihen,
übergab sodann Popow, so berichtet das W.T.B. (28. Dezember 1917),
den Vorsitz an den Führer der russischen Delegation Joffe. Hakki--Pascha
entließ die russischen Herren mit den Worten, sie seien gute Diplomaten und
gute Staatsmänner, und bezeugte ihnen, daß sie während der Verhandlungen
viel Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und viel praktischen Sinn gezeigt hätten.
Die Stimmung muß hinter den Kulissen nicht ganz so harmonisch gewesen
sein, wie das W.D.B. sie schilderte. Nach General Hoffmanns soll der
russische Delegierte Dokrowski Tränen der Wut vergossen und ausgerufen
haben, man könne doch nicht behaupten, daß keine Annexionen stattgefunden
bätten, wenn man Rußland achtzehn Gouvernements abnehmen wolle.
Damit endete der erste Akt der Groteske von Brest-Litowsk.
Wenn ich nunmehr Kritik an unserem Verhalten übe, so gebe ich nicht
historische Betrachtungen wieder, sondern die Gedankengänge, die damals
den Kreis meiner Gesinnungsgenossen beunruhigten:
Die mise en scène war bereits eine verlorene Schlacht. Wir
durften den Russen nicht anders gegenübertreten als in kühler, geschäfts-
mäßiger Haltung, jederzeit bereit, zum Angriff gegen den Weltbeglücker
Tro#ßki überzugehen, dessen erklärtes Ziel die Revolutionierung der deut-
schen Masseen war. Wir aber begegneten den Russen mit einer beflissenen
Höflichkeit, die es uns im gegebenen Augenblick erschwerte, die Rolle des
moralischen Anklägers zu übernehmen.
Die deutsche Diplomatie hat tatsächlich Trotzkis Prestige vor seinem
Volke, vor den alliierten Bölkern und vor den deutschen Massen befestigt.
Ich möchte beute denen recht geben, die so weit gehen, zu behaupten: Wir
hätten damals die Herrschaft der Volksbeauftragten vor dem drohenden
Zusammenbruch gerettet.
Die Russen kamen nicht nur als Sachwalter ihres Landes,
sie wollten wie Wilson die Sache der Menschheit vertreten.
Da durften wir uns nicht rein passiv verhalten, zu dieser Forderung „Ja“,
zu einer anderen „Nein"“ sagen, zu einer dritten Vorbehalte machen. Es
1 Vgl. Hoffmann, a. a. O., S. 202; ferner den Brief Czernins an Kühlmann
vom 27. Dezember 1917, Bredt, Der Deutsche Reichstag im Weltkrieg, Das
Werk des Untersuchungsausschusses, Bd. 8, 1926, S. 223, Anm. 14.
: Hoffmann, a. a. O., S. 202.
2 So Hoffmann, a. a. O., S. 189.
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