Full text : Sachsen in großer Zeit. Band III. Die Kriegsjahre 1916-1918. (3)

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reits  den  Njemen  überschritten  hatte.  Er  selbst  hatte  außer
den  8000  Mann  der  Division  Durutte  nur  noch  9000  Sach-—
sen  zur  Verfügung,  die  Osterreicher  standen  weit  entfernt
in  Bialystok.  Er  beschloß  daher  gegen  Warschau  zurückzugehen.
  Über  Siemiatycze  erreichte  er  den  Bug,  den  er  an
den  Weihnachtsfeiertagen  bei  Drohiczyn  überschritt.  Um
Neujahr  stand  er  zwischen  Liwiec  und  Osownica,  Hauptquartier
  Czarnoklow,  am  3.  Januar  ging  er  nach  Okuniew,
östlich  Warschau,  zurück,  General  von  Gablenz  übernahm
am  9.  Januar  wiedergenesen  die  Führung  der  Nachhut,  mit
der  er  am  11.  ein  Aufklärungsgefecht  bei  Liw  führte.  Das
Korps  wurde  dicht  an  Warschau  herangenommen  und  überschritt
  hier,  nur  noch  5700  Mann  im  ganzen  stark,  Ende
Januar  die  Weichsel,  1500  kranke  Sachsen  blieben  in  der
Stadt  zurück.

Die  bisher  wenig  vom  Feinde  belästigten  Österreicher
Schwarzenbergs  besetzten  Warschau,  die  Sachsen  und  Duruttes
  Völkergemisch  zogen  gegen  Kalisch  ab,  600  Mann
(Oberstleutnant  von  Bose)  und  1200  von  Durutte  besetzten
  Modlin.

Auf  der  großen  Straße  über  Rawa,  Brzeciny,  Pabianice,
Szadek,  Warta  langte  man,  umschwärmt  von  den  Kosaken,
bei  Kozminek  an  und  bezog  am  13.  Februar  in  der  näheren
Umgebung  von  Kalisch  unvorsichtigerweise  Ortsunterkunft,
eine  Maßnahme,  die  nur  durch  die  große  Ermüdung  der
Truppen  und  das  Wetter  erklärt  werden  kann.  Kaum  in
die  Quartiere  gelangt,  wurden  die  Sachsen  von  überlegenen
Russen  überfallen.  Trotz  guter  Haltung  und  entschlossener
Führung  büssten  sie  abermals  1000  Mann  ein,  die  Seitendeckung
  Gablenz  wurde  über  Opatéwek  nach  Brzeziny  und
Krakau  abgedrängt.  Reynier  sammelte,  was  er  erreichen
konnte,  in  Kalisch  und  zog  über  Raschkow,  Krotoschin,
Kobplin,  Rawitsch  nach  Glogau,  rastete  hier  einige  Tage,
um  dann  über  Sprottau  nach  Bautzen  zu  marschieren,  das
er  am  1.  März  erreichte.  Hier  wurde  er  von  Thielmann
aufgenommen.  Der  lange  Leidensweg  schien  zu  Ende  zu
sein.

Die  Reiterbrigade  Thielmann,  die  in  Kalisch  beim  Vormarsche
  abgetrennt  und  zur  Großen  Armee  gezogen  worden
war,  kämpfte  bei  dieser  in  allen  großen  Schlachten  des
Feldzugs  ruhmvoll  mit.  Bei  Borodino  ritten  die  sächsischen
Reiter  den  hinter  dem  Dorfe  Semenovskoje  stehenden  Feind
nieder,  kaum  gesammelt  stürmten  sie  die  stark  bewehrte
Rajewski-Schanze  und  hielten  sie  gegen  erbitterte  Rückeroberungsversuche
  der  Russen.  41  Offiziere  und  300  Mann,
die  Hälfte  des  Bestandes,  fiel  in  diesem  entsetzlichen  Kampfe.
Die  Uberlebenden  erreichten  Moskau,  aber  wenige  Tage
später  mußte  Thielmann,  bereits  auf  dem  Rückzuge,  dem
Könige  schreiben:  „Ich  kann  mit  evidenter  Gewißheit  sagen,
daß  ich  in  wenigen  Tagen  Eurer  Majestät  nichts  anderes
zu  Füßen  legen  kann,  als  unsere  Ehre  und  unser  Leben.“
Am  1o.  November  berichtete  er,  daß  vom  4.  Kavalleriekorps
  nur  58  Mann  Smolenök  erreicht  hatten.  Kein  Mann
der  reitenden  Batterie  Hiller  sah  das  Sachsenland  wieder.
Am  28.  November  erzwang  sich  Thielmann  mit  wenig  Offizieren
  und  Mannschaften,  den  Degen  in  der  Faust,  den
UÜbergang  über  die  Beresina.  Von  der  ganzen  stolzen  Brigade
  kehrten  nur  20  Offiziere  und  7  Mann  heim,  später
folgten  noch  43,  die  die  Kriegsgefangenschaft  überlebt  hatten.

Die  Prinz-Albrecht-Chevauxlegers,  628  Mann,  von  denen
2  Schwadronen  (von  Helbig)  zu  den  „Truppen  des  Hauptquartiers“
  abkommandiert  wurden  nahmen  im  Verbande  des
3.  Reserve-Kavalleriekorps  Grouchy  an  den  Schlachten  bei
Krasnoi  (14.  August),  Smolensk  (106.,  17.  August)  und
Borodino  (7.  September)  teil.  Sie  kamen  bis  an  die  Tore
Moskaus  und  schmolzen  dann  zusammen  wie  Schnee  an
der  Sonne.  Oberst  Lessing  brachte  nur  14  Offiziere  und
12  Chevaurlegers  heim.

Das  Chevaurlegersregiment  Prinz  Johann  und  die  Infanterieregimenter

  von  Rechten  und  Low  waren  mit  Sonderaufträgen
  ins  Feld  gezogen.  Auch  sie  gelangten  unter  Marschall
  Victors  Führung  bis  in  die  Nähe  von  Smolenok,
mußten  sich  aber  dann  dem  allgemeinen  Rückzuge  anschließen.
  Nach  einem  blutigen  Strauße  bei  Szmolfany
nördlich  der  Straße  Smolensk—Boriszow  am  14.  November
  erreichte  das  Korps  am  26.  die  Beresina,  zwar  geordnet,
  doch  schon  sehr  geschwücht.  Am  27.  bekam  Vicetor
den  Auftrag,  den  Ubergang  der  letzten  Truppen  zu  sichern.
Hierbei  gerieten  die  Reste  der  Johann-Chevaurlegers,  etwa
200  Mann,  unter  Oberst  von  Raisky  infolge  eines  Mißverständnisses
  in  Gefangenschaft.  Die  beiden  Infanterieregimenter
  hielten  mit  Heldenmute  bis  zuletzt  stand,  überschritten
  dann  am  28.  in  guter  Ordnung  als  die  letzten
den  verhängnisvollen  Fluß  und  verbrannten  die  Brücke.
Immer  kleiner  wurde  das  Häuflein  der  Tapferen  und  Getreuen.
  Noch  100  Mann  stark  verließen  beide  Regimenter
die  Beresina,  noch  650  Mann  waren  es,  die  am  4.  Dezember
  bei  Molodeczno  den  Uszaübergang  verteidigten,  44  fielen
dabei.  3  Offiziere  und  16  Mann  kehrten  aus  dem  Gefechte
  zurück.  Die  4  Fahnen  beider  Regimenter  wurden
glücklich  bis  Wilna  gebracht,  hier  fielen  sie  am  20.  Dezember
  bei  einem  Nachtkampfe  den  Russen  in  die  Hände.
Nur  10  Offiziere-vom  Regiment  Rechten  und  6  von  Low
behrten  heim,  sonst  niemand!

Das  Regiment  Prinz  Marimilian  war  im  August  1812
nebst  einer  Batterle  zur  Dioision  Morand  an  die  Ostseeküste
  gesandt  worden.  Am  31.  März  1813  besetzte  es
Lüneburg  und  wurde  hier  am  2.  April  vom  Freikorps  Dörnberg
  nach  hartem  Kampfe,  in  dem  Morand  fiel,  gefangen
genommen.

So  war  im  Frühjahr  1813  das  stolze  schöne  Heer
Sachsens  nach  ruhmreichem  Kampfe  für  fremde  Ehre  vernichtet,
  wie  noch  nie  ein  Heer  vernichtet  war.  Nur  die
Leibgrenadiere,  die  Leibkürassiergarde  und  das  Jägerkorps,
die  nicht  mit  ins  Feld  gezogen  waren,  bestanden  noch.

Thielmann,  nunmehr  Generalleutnant,  hatte  nach  seiner
Nückkehr  aug  Rußland  vom  Könige  am  24.  Februar  1813
Befehl  bekommen,  die  Leitung  der  Befestigung  von  Torgau
und  die  Neubildung  der  sächsischen  Wehrmacht  zu  übernehmen.
  Er  nahm  mit  den  wenigen,  kaum  errichteten
Truppenteilen  die  Reste  des  Korpo  Reynier,  etwa  3000
Mann  der  Division  Durutte  und  2500  Sachsen  unter  Lecoq,
in  der  Lausitz  auf.  Am  7.  traf  Neynier  in  Dre#den  ein.
Seine  Truppen  sahen  erbärmlich  aus;  froh  waren  die
Sachsen,  die  Heimat  wieder  erreicht  zu  haben.  Doch  der
Feind  drängte  nach,  die  Sprengung  der  Elbbrücke  wurde
vorbereitet,  was  zu  großen  Unruhen  führte.  Ein  Hilfskorps
  unter  Davouts  eigner  Führung  marschierte  ein,  Reynier
  legte  den  Befehl  am  13.  März  nieder  und  reiste  nach
Paris  ab.  Die  Ereignisse  jagten  sich.  Am  19.  wurde  die
Brücke  gesprengt.  Oavout  zog  wieder  ab  und  überließ  Durutte
  die  Deckung.  Auch  dieser  konnte  sich  nicht  halten  und
verließ  am  26.  nachts  die  Elbe.

Bereits  am  25.  war  der  Rest  der  Sachsen,  1436  Mann,
von  Lecoq  in  4  Bataillone  eingeteilt,  auf  Befehl  des  Königs
nach  Torgau  abmarschiert,  w#  sie  unter  Thielmanns  Befehl
  traten.  Der  Generalleutnant  hatte  Befehl,  die  Festung
beiden  Parteien  zu  sperren,  auch  den  etwa  siegreich  an  die
Elbe  zurückkehrenden  Franzosen.  ,

Sachsens  Lage  war  nun  äußerst  schwierig.  Das  Heer,
das  Werkzeug  aller  Staatsgewalt,  zunächst  zertrümmert
und  unbrauchbar,  der  bisherige  Verbündete,  Napoleon,  dem
der  König  sich  hatte  anschließen  müssen,  besiegt  zwar  von
den  Naturkräften,  aber  immer  noch  stark  genug,  um  den
wider  ihn  aufstehenden  Völkern  zu  trotzen,  und  reich  genug
an  Mitteln,  aufs  neue  gewaltig  zu  rüsten  und  ihre  Unterwerfung
  zu  versuchen.  Auf  der  anderen  Seite  die  Urmacht
der  Volkserhebung!  Erträgt  doch  kein  gesundes  Volk  innere