II. Die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten 51
sache die Liberalen unter Führung des Ministerpräsidenten Radoslawow,
glaubten, daß nur der Anschluß an die Zentralmächte die Verwirklichung
dieser bulgarischen Hoffnungen bringen könnte; die anderen erwarteten dies
von der Entente. Projekte auf Projekte wurden von den Gesandten der
Entente in Sofia vorgelegt, aber sie führten keine Entscheidung für die
Entente herbei, weil diese nichts anderes tat, als Gebietsteile zu verschenken,
die ihr weder gehörten, noch die sie erobert hatte. Und je mehr die Kriegs-
ereignisse voranschritten, besonders im Osten, um so deutlicher wurde dem
Zaren und seinen Beratern, daß den Zentralmächten die Zukunft gehöre.
Bulgarien sah, wie die russischen Streitkräfte von den Waffen der Zentral-
mächte geschlagen wurden und andererseits, wie tapfer sich die Türkei im
Kampfe gegen die englisch-französischen Angriffe auf die Meerengen hielt.
So entstand zuletzt eine Zwangslage, je deutlicher wurde, daß die Zentral-
mächte in absehbarer Zeit die Aufgabe angreifen würden, den Durchgang nach
der Türkei zu erzwingen, d. h. Serbien zu Boden zu werfen und den Donau-
lauf für eine Verbindung zwischen ihnen und der Türkei frei zu machen.
Nun griff die deutsche Diplomatie ein, sehr wesentlich unterstützt
durch verwandtschaftliche Beziehungen deutscher Fürsten, vor allem
des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg mit dem Zaren.
Zuerst kam es darauf an, die möglichen Rachegelüste der Türkei zu
beseitigen und die bulgarischen Wünsche nach dieser Richtung hin zu be-
friedigen. Das gelang. Die Türkei trat einen kleinen Teil Landes ab, der
für Bulgarien wichtig war, weil er den ganzen Lauf der Maritza bulgarisch
machte und dafür einen neuen, freilich recht bescheidenen Zugang zum
Meere gab. Und danach wurde das Gefühl, daß Bulgarien und die Türkei
gemeinsame Interessen gegen die Russen hätten, sehr rasch stärker, als die
jahrhundertealten Gegensätze, die zwischen den beiden Völkern bestanden,
von denen ja das eine das andere auf das schwerste unterdrückt hatte. Un-
mittelbar an den bulgarisch-türkischen Vertrag schloß sich die Abmachung
Bulgariens mit den Zentralmächten vom 6. September 1915.
2. Damit waren die Würfel gefallen, und zwar, wie wir heute sagen
dürfen, endgültig. Trotz aller noch vorhandenen geistigen, sprachlichen, kirch-
lichen Beziehungen zu Rußland sind die Bande vollständig zerschnitten, die
Bulgarien mit Rußland verbinden, einfach weil ihm von dieser Seite eine Zu-
kunft gar nicht mehr kommen kann. Beide sind Todfeinde geworden, wie
man sich unschwer überzeugen kann, wenn man einen Blick in die russische
Presse und ihre wütenden Angriffe gegen den „Koburger“ liest. Bulgarien
brauchte sich nur vorzustellen, was aus ihm würde, wenn die Entente siegte,
wenn die Türkei zusammenbräche; dann würden sich Rumänien und das
neu erstehende Serbien in das ganze Gebiet teilen, und mit aller bulgarischen
Selbständigkeit wäre es aus. So ist Bulgarien auf Gedeih und Verderben
mit den Zentralmächten verknüpft, und damit eine feste und dauernde
Grundlage dieser Bündnisbeziehungen geschaffen.
Jetzt aber tritt das nun in volle Kraft, was wir zu Anfang dieses Ab-
schnitts sagten: die zentrale Lage Bulgariens und noch mehr eines sich
vergrößernden Bulgariens auf der Balkanhalbinsel und damit zu uns. Ver-
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