Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

III. Die wichtigsten feindl. Staaten nach ihren wirtschaftl. Beziehungen usw. 71 
Deutschland zu Boden zu werfen. Die führenden Wirtschaftspolitiker aber, 
vor allen Dingen der Finanzminister Witte, wollten den französischen Geld- 
markt ausnutzen, um Rußland endgültig und mit großen Schritten auf die 
Bahn der modernen weltwirtschaftlichen Entwicklung zu führen. Dazu konnten 
sie nichts weniger brauchen, als einen Krieg. Unerschöpflich floß der franzö- 
sische Goldstrom nach Rußland. Dort war unterdessen der Gedanke des 
Eisenbahnbaues durch Sibirien bis zum Stillen Ozean aufgetaucht und in 
Verbindung damit ein großes weltpolitisches Ziel im fernen Osten. Kam 
es tatsächlich dazu, daß sich die russische Politik mehr und mehr in Ostasien 
festlegte und immer größere Mittel dorthin verwandt wurden, so war es 
klar, daß dadurch eine Entlastung des russischen Druckes auf Deutschland 
erfolgen mußte. Gerade um die Zeit wurden wir durch den zunehmenden 
Gegensatz zu England dahin gedrängt, die Pfade einer positiven deutschen 
Orientpolitik zu betreten. Für England war es im höchsten Grade uner- 
wünscht, die russische Politik gerade in dem Augenblick, wo sich ein deutsch- 
russischer Interessenkonflikt in der Türkei anzubahnen schien, auf ihren fern- 
asiatischen Bahnen zu sehen. Daber stiftete England den Krieg Japans 
gegen Rußland an, mit dem Zwecke, Rußland aus Ostasien zurück- 
zurufen und seine Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße wieder 
auf Konstantinopel hinzulenken, wo es die Deutschen treffen 
mußte. Dieser Plan ist den Engländern ausgezeichnet gelungen. Japan 
blieb Sieger; die Episode der großen ostasiatischen Politik Rußlands war 
vorläufig zu Ende, und in einer ebenso notwendigen wie natürlichen Reaktion 
warf sich Rußland erneut auf sein altes Ziel im naben Orient. 
Damit allein ist aber noch nicht alles gesagt, was zu sagen ist. Es handelt 
sich heute für Rußland keineswegs mehr nur um die früheren Gründe, wegen 
derer es nach Konstantinopel strebte, sondern es ist noch ein viel gewich- 
tigerer, zwingenderer hinzugetreten: der wirtschaftspolitische Zwang. 
Zur Zeit des alten Panslawismus sprach man, wenn es sich um das 
Streben nach der Herrschaft in den Balkangebieten handelte, von der histori- 
schen Mission Rußlands, von der Teilnahme für die Stammesverwandten 
und Glaubensgenossen, vom Sturz des Halbmondes auf der Hagia Sofia 
und von dem Schlüssel zur eignen Haustür, den man notwendig in der 
Tasche haben müsse. Sieht man sich aber die heutige russische Kriegsliteratur 
an, in der der Wille, die Meerengen zu besitzen, begründet wird, so ist von 
alledem wenig mehr zu hören. Statt dessen heißt es einfach: beinahe drei 
Viertel der russischen Getreideausfuhr gehen durch den Bosporus und die 
Dardanellen; ist dieser Ausgang für Rußland geschlossen, so bricht die russische 
Volkswirtschaft zusammen; der Drang nach Süden ist nicht nur eine geschicht- 
liche und politische, sondern vor allen Dingen auch eine wirtschaftliche Not- 
wendigkeit, und der fremde Staat, der sich diesem Drange widersetzt, ist 
co ipso ein feindlicher Staat. So schrieb der russische Professor Mitrofanow 
noch im Juni 1914 unmittelbar vor dem Ausbruche des Krieges in den 
„Preußischen Jahrbüchern“. 
Hier haben wir in einer klaren Formulierung den politischen Urgrund 
der heute aufs höchste entbrannten Feindschaft Rußlands gegen Deutschland.