Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 14.—18.) 63
gelehnt worden, jedoch in einer Weise, daß der Zweifel blieb, ob dies von
Sr. Majestät gewollt, oder nur von anderer Seite ausgehe. Witzleben
meinte eine publike Aussöhnung Sr. M. mit dem Fürsten würde, nach
Auflösung des Reichstages 2c. von eminentem wohlthätigen Einfluß auf
unsere inneren Verhältnisse sein müssen. Ich erwiderte, daß ich im Moment
und offiziell ein „Nein“ seinem Ersuchen entgegensetzen müsse, daß ich mir
aber die Sache nochmals überlegen wolle. — Selbst, nun, von der Bedeutung
eines solchen Schrittes — Begegnung von Kaiser und Fürst —
durchdrungen, möchte ich doch den Gedanken nicht fallen lassen, ohne ihn
Euer Exzellenz vertraulich mitgeteilt zu haben. Im Herzen kann ich es
nicht von der Hand weisen, was ich offiziell zunächst thun zu müssen glaubte,
um keine unnützen Hoffnungen zu erwecken. — So teile ich diesen Gedanken
von Witzleben Euer Exzellenz mit für den Fall, Sie irgend Gebrauch von
mir für dessen Ausführung glauben machen zu können, — oder auch ohne
mich, der ich verbleibe Ener Exzellenz aufrichtig dankbarer Albrecht, Pr. v. Pr.
14. Mai. (Berlin.) Der ehemalige Abg. Dr. Baumbach
(Volksp.) hält in einer Berliner Wählerversammlung eine Rede,
in der er folgendes äußert:
Was das Schreckgespenst eines Krieges nach zwei Fronten betreffe,
so habe ihm gegenüber in einem Gespräch der hiesige französische Botschafter
auf das entschiedenste bestritten, daß zwischen Frankreich und Rußland ein
Bündnis oder irgend eine ähnliche Vereinbarung oder auch nur Verabredung
existiere. Auf der andern Seite wiederum hätten sich mehrfach einflußreiche
Herren aus Kiew 2c. über die Stimmung in Rußland dahin ausgesprochen,
daß man dort allgemein glaube, Deutschland wolle angreifen;
Rußland werde dies jedenfalls nicht thun. Alles, was man bei unserm
östlichen Nachbar verlange, sei die Freigabe der Dardanellen. Gegen einen
Angriff sei der Dreibund stark genug.
Infolge der Berufung auf den französischen Botschafter richtet
dieser, Herr Herbette, ein sehr scharfes Schreiben an Herrn Baumbach,
das mit dessen Antwort am 19. in der „Nordd. Allg. Ztg.“
veröffentlicht wird.
18. Mai. Der Kaiser reist nach Görlitz zur Einweihung
des Denkmals Kaiser Wilhelm I. Bei dem Festmahl hält der Kaiser
folgende Rede:
„Eine erhebende Feier hat soeben ihren würdigen Abschluß gefunden.
In schöner Vollendung steht das ragende Bildnis Kaiser Wilhems I. vor
uns. Die Anregung, welche dieses Denkmal, sowie so manche andere, die
bereits stehen oder in der Vollendung begriffen sind, ins Leben rief, ist das
Gefühl der Dankbarkeit gegen den hohen Dahingegangenen. Der Lausitz
gilt Mein Dank für die herrliche Weise, in welcher sie ihrem Gefühle der
Treue und Anhänglichkeit zu Meinem Großvater und Meinem Hause Ausdruck
verliehen. Herzlichen Dank auch für Ihre warmen Worte, Mein
lieber Graf Fürstenstein. Sie haben gesprochen im Namen der Lausitzer,
Ihre Worte werden Wiederhall finden in den Herzen aller Meiner Unterthanen.
Dann auch innigsten Dank dieser Stadt für den schönen Empfang,
den sie Mir bereitet hat.
In eine ernste Zeit ist unser Fest gefallen. Daher sei das Denkmal
eine Mahnung an uns alle. Doppelt ernst sei sie, wenn wir uns im Geiste
erinnern, wie einst der Hohe Herr in dieser Stadt in eigener Person zu