Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

4  Beutsches  Reich.  (Januar  4.)

Zu  dieser  Kritik  nimmt  Präsident  v.  Batocki  in  einem  Schreiben  an
den  Oberbürgermeister  vom  5.  Jan.  Stellung:  Die  bisherige  öffentliche  Bewirtschaftung
  der  wichtigeren  Lebensmittel  werde  auch  in  Zukunft  aufrechterhalten
  werden.  Dagegen  sollen  die  Waren,  die  sich  ihrer  Natur  nach  für
das  System  der  Beschlagnahme  zu  Höchstpreisen  und  Bewirtschaftung  durch
Zentralbehörden  nicht  eignen,  wie  Frühkartoffel,  Gemüse,  Kohl,  Obst,  Geflügel,
  Mastschweine,  unter  Umständen  auch  Voll=  und  Magermilch,  den
Lieferungsverträgen  der  Stadtgemeinden  vorbehalten  bleiben.  Für  diese  Verträge
  soll  eine  mit  den  Reichsstellen  Hand  in  Hand  arbeitende  allgemeine
Beratungsstelle  geschaffen  werden,  um  eine  unerwünschte  Preissteigerung  durch
gegenseitiges  Ueberbieten  zu  vermeiden  und  andererseits  die  Sachkunde  der  Gemeinden
  einer  zweckmäßigen  Verwertung  der  Waren  nutzbar  zu  machen.  Eine
Preissteigerung  der  hauptsächlichsten  Lebensmittel  sei  seit  Errichtung  des  Kriegsernährungsamts
  im  allgemeinen,  abgesehen  von  der  Kartoffel,  unterblieben.

In  seiner  Antwort  vom  8.  Jan.  betont  Oberbürgermeister  Wermuth,
zur  Versorgung  der  Städte  mit  der  zur  Lebenserhaltung  notwendigen  Menge
von  Nahrungsmitteln  müsse  auf  dem  Wege  amtlicher  Ergreifung  und  Bewirtschaftung
  der  notwendigen  Nahrungsmittel  unbeirrt  weitergegangen
werden.  Ein  Systemwechsel,  den  das  Kriegsernährungsamt  zweifellos  nicht
wünsche,  werde  von  vielen  Seiten  gleichwohl  befürchtet,  weil  in  dem  Schreiben
des  Präsidenten  Frühkartoffeln,  Milch  und  Mastschweine  sowohl  unter  den
Gegenständen  der  öffentlichen  Bewirtschaftung  und  Zwangslieferung,  als
unter  denen  genannt  würden,  welche  sich  für  das  System  der  Beschlagnahme
zu  Höchstpreisen  nicht  eigneten,  denen  vielmehr  durch  Lieferungsverträge
beizukommen  sei;  die  letztere  Einreihung  lasse  befürchten,  daß  die  Zentralbehörde
  sich  von  der  weitern  Fürsorge  und  Verantwortung  schon  dann  befreit
  halten  könnte,  wenn  sie  die  Gemeinden  auf  den  Weg  der  Lieferungsverträge
  verwiesen  hätte;  davor  müsse  dringend  gewarnt  werden,  besonders
hinsichtlich  der  in  diesem  Jahre  so  sehr  schwierigen  Kartoffelversorgung.
Auch  bei  Obst  und  Gemüse  sei  in  der  behördlichen  Bewirtschaftung  nicht
genug  geschehen;  fast  alle  Städte  hätten  in  dieser  Bezichung  sehr  entmutigende
  Erfahrungen  gemacht.

4.  Jan.  Zu  dem  Plane  einer  Reichskonferenz  der  Parteiopposition
(s.  S.  10  ff.)  erläßt  der  Parteivorstand  der  deutschen  Sozialdemokratie

  im  „Vorwärts“  folgende  Erklärung:

In  einem  Rundschreiben  wird  von  einigen  Parteigenossen  zu  einer
am  7.  Januar  tagenden  Reichskonferenz  der  auf  dem  Standpunkt  der  Parteiopposition
  stehenden  sozialdemokratischen  Organisationen  und  Parteigenossen
eingeladen.  Nach  dem  Rundschreiben  sind  zur  Teilnahme  berechtigt  die
Mitglieder  der  Soz.  Arb.  und  der  Genosse  Rühle  (bei  keiner  Fraktion);
ferner  Delegierte  der  Wahlkreisorganisationen,  die  sich  auf  den  Boden  der
Opposition  stellen.  Den  oppositionellen  Genossen  in  den  übrigen  Wahlkreisen
  wird  empfohlen,  sich  über  gemeinschaftliche  Delegationen  zu  verständigen.
  Die  Konferenz  will  sich  mit  der  Taktik  der  oppositionellen  Abgeordneten
  im  Reichstage  und  mit  Organisationsfragen  beschäftigen.  Demgegenüber
  müssen  wir  erklären,  daß  die  Veranstaltung  einer  solchen  Konferenz
  im  Gegensatz  steht  zum  Organisationsstatut  der  Gesamtpartei  und
mit  der  organisatorischen  Einheit  der  Partei  unvereinbar  ist.  Die  Berufung
von  Konferenzen  der  Parteiorganisationen  kann  nur  durch  die  im  Organisationsstatut
  bezeichneten  Körperschaften  erfolgen.  Hier  wird  von  unberufenen
Parteigenossen  versucht,  Parteiorganisationen  und  deren  Mittel  in  den
Dienst  einer  Sondergruppe  zu  stellen.  Wir  raten  den  Parteiorganisationen
eindringlich,  dieses  parteizerstörende  Treiben  nicht  zu  unterstützen.