Der deutsch-franzbölische Krieg. 523
Die republikanische Regierung in Paris mußte die Entscheidung über das Schicksal
der französischen Nation einer freigewählten Nationalversammlung überlassen, und diese
sollte auf den 16. Oktober einberufen werden. Man wollte zuerst durch eine revolutionäre
Diktatur die Republik befestigen und sobald wie möglich den Frieden herbeiführen. Man
hatte noch vor Einschließung der Hauptstadt drei Mitglieder der Regierung nach Tours
entsandt, um die Verbindung mit den Provinzen aufrecht zu erhalten, und zugleich versuchte
man die nicht am Kriege beteiligten Großmächte zu einer Intervention und zur
Anerkennung der französischen Republik zu bewegen. Hierzu wählte man den greisen
Staatsmann Thiers, der denn auch sofort seine Reise nach London, Petersburg, Wien
und Florenz antrat. Bismarck dachte nicht daran, si.hh in die inneren Angelegenheiten
Frankreichs mischen zu wollen, bezeichnete
aber in einem Rundschreiben an
die diplomatischen Agenten im Ausland
genau den Standpunkt, den man im
Falle einer Einmischung der fremden
Mächte einzunehmen gedenke.
„An die ernstliche Absicht der
jetzigen Pariser Regierung, dem Kriege
ein Ende zu machen, können wir nicht
glauben, so lange dieselbe im Innern
fortfährt, durch ihre Sprache und ihre
Akte die Volksleidenschaft aufzustacheln,
den Haß und die Erbitterung der durch
die Leiden des Krieges an sich gereizten
Bevölkerung zu steigern und jede für
Deutschland annehmbare Basis als für
Frankreich unannehmbar im voraus
zu verdammen. Sie macht sich dadurch
selbst den Frieden unmöglich, auf den
sie durch eine ruhige und dem Ernst der General Uhrich,
Situation Rechnung tragende Sprache Kommandant von Straßburg.
das Volk vorbereiten mußte, wenn wir
annehmen sollten, daß sie ehrliche Friedensverhandlungen mit uns beabsichtige. Die
Zumutung, daß wir jetzt einen Waffenstillstand ohne jede Sicherheit für unsere Friedensbedingungen
abschließen sollten, konnte nur dann ernsthaft gemeint sein, wenn man bei
uns Mangel an militärischem und politischem Urteil oder Gleichgültigkeit gegen die Interessen
Deutschlands voraussetzt.
Daneben besteht ein wesentliches Hindernis für die Franzosen, die Notwendigkeit
des Friedens mit Deutschland ernstlich ins Auge zu fassen, in der von den jetzigen Machthabern
genährten Hoffnung auf eine diplomatische oder materielle Intervention der
neutralen Mächte zu Gunsten Frankreichs. Kommt die französische Nation zur Ueberzeugung,
daß, wie sie allein den Krieg willkürlich heraufbeschworen hat, und wie Deutschland
ihn allein hat auskämpfen müssen, so sie auch mit Deutschland allein ihre Rechnung
abschließen muß, so wird sie dem jetzt sicher nutzlosen Widerstand bald ein Ende machen.
Es ist eine Grausamkeit der Neutralen gegen die französische Nation, wenn sie zulassen.