Full text: Wegweiser durch Bismarcks Gedanken und Erinnerungen. (3)

74 K. Das dynastische Element in Deutschland. Conflictsministerium. 
Ressort ihres Gatten dem Kladderadatsch ein willkommenes 
Stichblatt für seine neckischen Angriffe bot. Das wäre an sich 
nicht bedenklich gewesen, wenn Frau v. Mühler ihren Einfluß 
auf den Gatten immer zu Gunsten der von Bismarck ver- 
tretenen Politik des Königs geltend gemacht hätte. Allein sie 
empfing ihre politische Direction von der Königin Augusta; 
durch Liebenswürdigkeit leicht gewonnen, wurde sie eine bereit- 
willige Dienerin der „persönlichen, der Staatsraison gewöhn- 
lich zuwider laufenden Politik“ dieser hohen Frau, zu deren 
Vertretung im Ministerium sich Herr v. Mühler im Interesse 
des Hausfriedens bestimmen ließ, selbst auf Kosten der Staats- 
politik, wenn es in unauffälliger Weise geschehen konnte. 
Am wenigsten sympathisch muthet der Graf zur Lippe 
als Justizminister an. Er konnte „das Schärfste mit lächeln- 
der Miene“ sagen, „mit einem höhnischen Ausdruck von Ueber- 
legenheit“", der die Collegen und die Parlamente verstimmte. 
In seinen politischen Ansichten stand er auf der äußersten 
Rechten, brachte sie auch in seinem Ressort zur Geltung, da 
seine Sachkunde ihm gestattete, seiner persönlichen Ueberzeugung 
zu folgen. 
Auf eine Darstellung des Conflicts selbst läßt sich Fürst 
Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ nicht ein. 
Das Material zur Beurtheilung der staatsrechtlichen Frage 
und ihrer Auffassung seitens des Ministeriums, speziell Bis- 
marcks, liegt in den Reden vor, die Herr v. Bismarck in den 
Jahren 1862—1866 im Abgeordnetenhause und im Herren- 
hause gehalten hat. Er hätte darüber nichts sagen können, 
was er nicht früher schon gesagt hat — wozu Eulen nach 
Athen tragen? Die Unbelehrbaren würde er nie belehren, 
die Lernbegierigen aber haben schon früher eingesehen, wo im 
Conflicte das höhere Recht lag, und viele der streitbarsten 
Gegner haben durch ein ehrliches pater peccari ihre damalige 
Schuld getilgt. Daß Bismarck in diesem Streite aber nicht 
bloß seine persönliche Meinung vertrat, wie seine fortschritt- 
lichen Gegner so gern glauben zu machen suchten, indem sie 
von dem schlecht unterrichteten König an den besser zu unter- 
richtenden appellirten, beweist das in den „Gedanken und Er-
	        
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