Der Rußland angeheftete Schandbrief. Kritische Lage in Neapel. 101
russische Politik bei allen möglichen Gelegenheiten in unberechenbarer Weise aus ihren
natürlichen Geleisen drängen.³) Lord Palmerston selbst hat mir 1857 gesagt, daß diese
Stipulationen ein Mißgriff seien und sich keine fünf Jahre halten könnten; drei von
diesen fünf Jahren sind verflossen. Oesterreich hat sich ganz zu unserer Disposition gestellt,
um die Aufhebung jener Bestimmungen anzubahnen, aber es hat bisher keine Erfolge
gehabt. England führt zugunsten ihrer Erhaltung als Motiv an, daß das Schwarze
Meer ein geschlossenes sei und wir eine Kriegsflotte auf demselben nur zu Angriffen
gegen die Türkei benutzen wollen könnten. Der Vordersatz dieser Behauptung ist schon
bedeutungslos, denn England ist gewiß nicht die Macht, die sich im Kriegsfalle durch
Klauseln eines Vertrages vor den Dardanellen würde aufhalten lassen. Jede Kriegserklärung
hebt für die Beteiligten die Verträge auf, und unsere Küsten am Schwarzen
Meere sind wehrlos gegen jeden, der sich mit oder ohne Einwilligung der Türkei befugt
glaubt, seine Flotte durch die Meerengen zu führen. Diese Erwägung steht für uns aber
erst in zweiter Linie; die Hauptsache ist der Ehrenpunkt, der sich daran knüpft, daß ein
großer Staat wenigstens Herr im eigenen Hause sein muß. Es würde gar nicht in
unserer Absicht liegen, und wir würden es auch in einem Menschenalter nicht ermöglichen
können, wieder eine so große Flotte wie die frühere im Schwarzen Meere zu halten. Es
ist aber ein europäisches Bedürfnis, bei einem Reiche wie Rußland nicht eine offene
Wunde des nationalen Ehrgefühls bestehen zu lassen. Wenn auch der Kaiser, seinem
Herzen nach, den Frieden liebt und Verträge, die er geschlossen hat, jederzeit treu erfüllen
wird, so sollte man doch Rußland von diesem Stachel befreien, der eine fortwährende
Versuchung mit sich führt, das bestehende europäische Vertragsrecht durch
eine der mannigfachen Komplikationen, welche dasselbe gegenwärtig bedrohen, einer
Abänderung entgegengehen zu lassen.“
Ich erlaube mir bei Vorstehendem auf meinen geh. Bericht vom 23./11. d. M., die
Auslassungen des englischen Geschäftsträgers⁴) über denselben Gegenstand betreffend,
Bezug zu nehmen.
*89. Bericht an Minister v. Schleinitz.
[Ausfertigung]
31./19. Auguft 1860.
Bei dem kais. Ministerium sind vorgestern telegraphische Nachrichten über eine
Niederlage der königlich sizilianischen Truppen in Calabrien und über den verzweifelten
Stand der Verhältnisse in Neapel eingegangen. Es ist bezeichnend, daß dieselben der
Veröffentlichung, welche sonst sofort durch das Journal de St. Petersbourg zu erfolgen
pflegt, um Teil zwei Tage, zum Teil noch heute vorenthalten sind. Der letztere Teil betrifft,
wie mir Fürst Gortschakow sagte, die Absicht des Königs Franz, die Stadt Neapel
für neutral zu erklären und, wenn hierauf eingegangen werde, die Unterlassung des Bombardements
zu versprechen, sowie die Nachricht, daß die Abreise des Hofes nach Gaëta
bereits stattfinde. Der Fürst knüpfte an diese Mitteilung einerseits eine Kritik der Unfähigkeit,
mit welcher die Sache des Königs geführt worden sei, andererseits eine An-3)
Vgl. Nr. 84, 91, 94, 95, 103 und andere Stellen.
4) Vgl. Nr. 84 S. 97.