182 Stellung Englands, Ruußlands, Preußens zum französischen Programm.
dauer des status quo genügt. Italien aber wird dem Programm der französischen
Minister gewiß nicht freiwillig beitreten ⁴.
Wenn wir hiernach auch nicht in der Lage sind, das französische Programm uns anzueignen,
und wenn wir unsere Stellung nicht von der der anderen beiden Großmächte trennen
können, so ist doch unser Verhältnis zu demselben, wie oben bemerkt, faktisch ein anderes.
Die Reden der französischen Minister haben daber auch bei uns keineswegs eine Verstimmung
hervorgerufen wie in London und Petersburg, wo man die Sache schon jetzt so
gut wie abgeschlossen ansieht. Wir halten vielmehr nach wie vor an der Bereitwilligkeit
zu den Besprechungen fest, welche unseres Erachtens in jedem Falle dem Kaiser erwünscht
sein müssen, um sich aus der Verlegenbeit zu ziehen, sei es nun durch eine Ermöglichung
der Konferenz, sei es durch ein anständiges Begräbnis derselben, was wir allerdings für
wahrscheinlicher und erwünschter halten. Wenn man diese unsere Haltung in Paris nur in
unbefangene Erwägung ziehen und dabei bedenken wollte, daß wir selbst zuerst die flüchtig in
einem Telegramm des Grafen Bernstorff infolge von persönlichen Außerungen des französischen
Geschäftsträgers in London angeregte Idee ⁵ dieser Vorberatungen ernstlich aufgenommen
haben, so daß sie geradezu der preußische Vorschlag genannt wird: so müßte man
leicht erkennen, wie ungerecht der Vorwurf ist, daß unsere Haltung eine weniger günstige
sei als die Englands und Rußlands.
Dies muß uns aber allerdings auch dazu bewegen, in unseren Äußerungen möglichst
zurüchkhaltend zu sein und in betreff der Beurteilung des französischen Programms nicht in
erste Linie zu treten.
Ew. pp. ersuche ich daber ergebenst, in allen Äußerungen darüber und über die ganze
materielle Seite der Frage überhaupt volle Reserve zu bewahren und nur die Notwendigkeit
einer absoluten Freiheit bei dem Eintreten in die Vorbesprechungen festzuhalten.
*995. Erlaß an den Botschafter in Parls Grafen von der Goltz.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.]
Vertraulich. Berlin, den 15. Dezember 1867.
Ew. pp. kann ich nicht umhin zur Charakterisierung des Auftretens des Herrn Benedetti
hierselbst eine vertrauliche Mitteilung zu machen, welche seine persönlichen Ansprüche
als Ambassadeur betrifft.
Herr Benedetti verlangt nämlich, daß jedesmal nach seiner Rückkehr von einer längeren
Abwesenheit die hiesige Gesellschaft ihm den ersten Besuch mache. Vom Hofe darüber befragt,
habe ich mich dahin geäußert, daß theoretisch genommen er diesen Anspruch als
Botschafter, der die Person seines Souveräns vertritt, zu erheben und gewissermaßen eine
wiederholte Tour abzuhalten, meines Erachtens berechtigt sei, daß dies aber voraussetze,
daß er vorher durch seinen Botschaftsrat Besuche machen lasse, damit die Gesellschaft
erfahre, daß er anwesend sei.
Vertraulich darf ich aber doch nicht unterlassen zu bemerken, daß es mir der Aufgabe
des Botschafters so wenig wie den gegenwärtigen gesellschaftlichen Begriffen zu entsprechen
--------------------------------- 4 Der Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks.
5 Vgl. Nr. 964.