Jerome Napoleons Sondierungen in Wien und Pest. 97
nunmehr, wo der Jusammentritt des Konzils in nicht mehr allzu ferner Zeit bevorsteht,
einige Klarheit zu erlangen, um zu beurteilen, ob und wo sich die Ankknüpfungspunkte fänden,
um eine Einwirkung der Negierung durch eine offene Darlegung der rinzipien und
Grenzen, an welchen der Staat festhalten muß, zu versuchen.
Ew. pp. muß ich ganz ergebenft anbeimstellen, ob und wie es möglich ist, über diese
Punkte eine nähere Aufklärung in vorsichtiger Weise zu gewinnen, und würde Ew. pp. für
eine gefällige baldige und ganz vertrauliche Rückäußerung zu verbindlichstem Danke ver-
pflichtet sein.
*1402. Erlaß an den Gesandten in München
Freiherrn von Werthern.
[Konzept von der Hand des Vortragenden NRats Bucher.)
Tach einem Berichte Wertherns vom 28. Mai hatte der Herausgeber der „Süddeutschen
Presse I. Sröbel bei einem Aufenthalt in Paris eine Unterredung mit dem Drinzen Gerome
apoleon über die deutsche Srage gehabt, wobei dieser zu einer Trerterung der relativen
Stärke der eventuellen Gegner in einem französi sisch-deutschen Kriege übergegangen war und
u. a. bemerkt hatte: „Man möge sich in Deutschland nicht über die Ungarn täuschen; die
ungarischen Truppen würden so gut gegen Deutschland fechten wie die anderen Bestandteile
der österreichischen Monarchie“. Näheres über die Unterredung Fröbels mit dem Prinjen
findet sich in den Aufteichnungen Fröbels: Ein Lebenslauf, II, 350 ff.
Berlin, den 8. Juni 1869.
Die in dem gefälligen Bericht vom 28. v. M. mitgeteilte Außerung des Drinzen
RNapoleon, die ungarischen Cruppen würden so gut gegen Deutschland fechten wie die zis-
leithanischen, ist allerdings beachtenswert, jedoch nicht weil dem darin ausgedrückten Urteil
des Prinzen ein Gewicht beimlegen wäre. Als prinzlicher Reisender in Osterreich und
im Verkebr mit solchen ungarischen Emigranten, die sich um seine Gunst bemühen, in
Grankreich, ist er über die gegenwärtige Stimmung und die eventuelle Haltung der ma-
gyarischen Soldaten schwerlich besser unterrichtet als wir. Auch wir sind darauf gefaßt,
daß diese Truppen sich in einem etwa nächstens ausbrechenden Kriege ebenso nicht schlechter
und nicht besser wie 1866 gegen uns schlagen würden. Einzelne Desertionen würden vor-
Kkommen, schwerlich ein Abfall in Masse.
Dagegen ist jede Außerung des Prinzen insofern von Bedeutung, als sie einen Schluß
darauf mläßt, in welchem gegen Herrn Gröbel nicht ausgesprochenen Gedankengange er
sich bewegt hat. Ew. pp. werden diesen Fusammenhang erkennen, wenn ich hnen mit-
teile, daß der Hauptzweck der letzten Reise des Prinzen nach Österreich der gewesen ist,
zu sondieren, wie man sich in Wien und Pest gegen eine etwaige plötzliche Okkupation
Belgiens durch Frankreich verhalten würde; ob Österreich nicht auch sein Belgien finden
könnte, vielleicht in Bayern.
Der Gedanke eines golchen Handstreichs hat in Srankreich seine Anbänger:; diesenigen,
die überbaupt eroberungs lustig sind, sind doch nicht so auf Krieg erpicht, daß sie nicht
den immensen Vorteil einsähen, ohne Angriff auf Deutschland in den Besitz von Belgien zu
gelangen, dann den Angriff abmwarten ulnd] gegen ihn die französische Ration ur Ver-
theidigung des eignen Landes aufmrufen. Die Sdee schickt sich recht eigentlich zu der-
1 Der letzte Lel-. bes Satzes eigenbändiger Einschub Bismarches, der erftere beruht auf mebreren Korrek-
turen von seiner Hand
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