102 Bismarcks Beurteilung der französischen Wahlen.
außer den Fabriken, welche vom Tagelohn leben. Diese sind den revolutionären Ideen
überall zugänglicher, weil ihnen das eigene Interesse an Erhaltung von Rube ulnd] Ordnung
weniger ins Auge fällt. Sie erwarten Besserung ihrer übeln Lage von jeder Aenderung
ulnd) von jedem demagogischen Versprechen:. Ihrer Sumpathien wird der Koiser niemals
sicher sein, weil sie überhaupt keine Sympatbien für gesellschaftliche Ordnung haben. Sie
bilden aber nicht die Mehrzahl des BVolkes. Die Masse des Volkes bildet die auf dem Lande
und in den Provinzialstädten lebende Klasse der kleinen Eigentümer sei es von Land oder
von irgendeinem über den bloßen täglichen Erwerb binausgebenden Geschäft. Diese sind es,
auf welche der Kaiser sich stützt, nicht, weil sie ein besonderes Attachement an ihn perfönlich
bätten, sondern weil sie ihre eigenen Interessen mit dem Bestehen gesellschaftlicher Ordnung
verflochten halten. Sie wissen, daß sie bei jedem Umsturz, bei jeder unsichern Lage etwas
zu verlieren haben. Das jetzige Regime erbält factisch die Ordnung, welche ihnen an sich
Bedürfniß ist, während es vollständig ungewiß ist, was an die Stelle des Bestehenden treten
würde-. Diese Leute wird der Kaiser immer als seine eigentliche Stütze ansehen dürfen; das
haben die eben vollendeten Wahlen meines Erachtens von neuem bewiesen, und in diesem
Sinne hat er Ursache, mit dem Ausfall derselben zufrieden zu sein.
Die immer noch große und Kompakte Majorität der Deputierten ist offenbar aus
der wirklichen Majorität des Landes hervorgegangen; und zwar ist dabei meines Erachtens
nicht irgendeine liberale oder politische Tendenz maßgebend gewesen, sondern wesentlich jene
Furcht vor jeder Veränderung, welche diejenigen, die etwas zu verlieren haben, an das
Bestebende sich anklammern läßt. Es ist mir daber auch noch zweifelhaft, ob die Moajorität
des Oorps législatif eine so „prononziert liberalere Sarbe jeigen wird“, wie es nach dem
Bericht Ew. pp. von manchen Seiten angenommen wird. Die Maojorität der Deputierten
wird vielleicht ebensofebr wie ihre Konstituanten von Furcht vor einer ungewissen Zukunft
beberrscht, und das voraussichtliche Auftreten der demokratischen Opposition in der Kammer
selbst wird sie in dieser Furcht bestärken und sie vielleicht auch ferner zu gefügigen Werk-
zeugen in der Hand des Kaisers machen, in welchem sie allein den Schutz gegen jene revolu-
tionären Tendenzen erblickeen. Ich bin durchaus nicht blind gegen die Schwächen ulnd)
Schäden des Kaijerllichen) Srankreich, welche aus der Unbrauchbarkeit seiner Werkzeuge
ebenso wie aus dem Character ulnd] der neuern Geschichte des Granzlösischen) Volkes her-
vorgehn. Aber die ppeciell parlamentarische Seite der Situation sehe ich heut als eine
beslere wie vor den Wahlen an. Die gesammte Toalition aller Gegner des Kaisers bildet
nur eine mäßige Minorität, und für keine der ein Jelnen einander feindlichen Opposi-
tionsrichtungen ist eine Stimmzahl vorhanden, welche neben der des Kaisers irgendein Ge-
wicht hätte“.
Auf einzelne Außerungen von Männern, welche angeblich dem Kaiser nabestehen, wie
diejenige, welche Ew. pp. aus dem Munde des Senators Baron Heeckeren erwähnen, möchte
ich kein großes Gewicht legen. Sch glaube nicht, daß der letztere „immer befonders gut
informiert sei über dasjenige, was der Kaiser zu tun für angemessen hält“; ich babe mich
wiederholt vom Gegenteil überzeugen können; und seine eigene Auffassung dürfte in diesem
1 Der letzte Satz und der Schluß des vorangebenden von den Worten an: vihnen das eigne Interesse“
eigenböndiger Einschub Bismarcke.
Die beiden letzten Sätze beruhen weltgebend auf eigenhändigen Zufätzen und Korrekturen Bismarcks.
2 Oie drei letzten Sätze eigenbändiger Zusatz Bismarcks.