Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

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Bismarck wünscht nicht Vollendung der Einheit durch Krieg. 
tages über das Strasgesetzbuch ei eine gute Gelegenheit. Es gelang dem Kanzler, durch seine vom 
böchsten natlonalen Schwung get 3 dabei aber jede Drovokation nach außen forgfältig 
Wrmeidenden Reden vom 2 und 24. Mai (siehe deren Text: Die politischen Reden des Sürsten 
Bismarck, ec. H. Kobl, IV, 472 /3“ die Annahme des großen Gesetzgebungswerks, an die jelbst 
ein Sorckenbec# nicht geglaubt bat (ogl. seinen Brief vom 21. Mbi, M. Pbilippson, Die Zeit 
um 1870 in parlamentarischer Beleuchtung, Deutsche Reoue, Februar 1629, S. 138), durchzusethen 
und damit eine neue Stappe der „Herstellung der deutschen Nation in ihrer Herrlichkeit und 
Macht“ zu sichern. Man muß den machtvollen Appell nachlesen, mit dem Bismarck seine Hörer 
mit lich fortriß: „Geben Sie“, so rief er dem Aeichstage zu, „durch oht letztes wichtiges Votum 
dem deutschen r dfi) ein verheißungsvolles Dfand seiner Sukunft, beweisen Sie ihm durch Ihre 
Abstimmung, daß da, wo es auf die geheiligte Sache unserer nationalen Einbeit ankommt, der 
Deutsche seinen alten Aationalfehlern zu entjagen weiß, beweisen Sie es, indem Sie den Hlat 
vergessen, den Sie in der Hitze des Kampfes als Partei, als Einzelner eingenommen haben 
indem Sie über Shre augenblicklichen Gegner hinweg Ihren Blick auf das große Ganze erbüten 
und diesem großen Ganzen einen Dienst erweisen, welcher für die deutsche Gukunft das Pfand 
bilden wird, daß die Aeubildung unserer Verfassung frei sein werde von einem großen Teil der 
Schlacken, welche den alten. Guß spröde, brüchig gemacht und zerrissen haben.“ In dem Be- 
kenntnis zur Einheit und zur Einigkeit, als. z Womn die Annahme des großen Geletz- 
gebungswerks begrühte, durfte er jugleich eine Gewähr dafür sehen, dah die ganze Nation 
gegen mir Angriff von außen erst recht zufammenstehen werde. 
Auch durch die Thronrede, mit der der zerkterkerene ordnungsmäßige“ eichstag des 
VRorddeutschen Bundes am 26. Mai geschlossen wurde (siehe deren Text in Schultheh' 
Europäischer Sschichtssealender. Ig. 1670, S. 74 ff.), blickt Bismarcks Streben durch, das deutsche 
Nationalgefühl durch die Belebung der Hoffnungen auf eine baldige Vollendung der deutschen 
Einheit neu anzufachen. Es ist Lerin nicht allein die Rede von der dem deutschen Volke durch 
die bisherigen inneren Fortschritte des Rorddeutschen Bundes gegebenen. „„„Bürgschaft der Er- 
füllung der Hoffnungen, welche sich an die Schöpfung des Bundes knüpfen“, sondern auch bereits 
von der „Gewinnung der Weltstellung“, zu der die deutsche Nation „durch ihre geschichtliche 
Bedeutung, ihre Stärke und ihre friedliche Gesittung“ berufen und befähigt sei. Gleichzeitig 
wird dem Auslande versichert, daß „der Rorddeutsche Bund in der Entwicklung seiner inneren 
Elnrichtungen und seiner verfallungemähigen nationalen Verbindung mit Süddeutschland die 
deutsche Bolkskraft nicht zur Gefährdung, londern u Eineer starken Stütze des allgemeinen 
riedens ausbilde“. Deutlicher konnte nicht gesagt werden, daß Bismarck, obwohl er eben 
damals eine kriegerische Wendung der sicht ##lgt Politik besorgte, seine Hoffnuns gen noch 
immer auf eine friedliche Sinigung der deutschen Nation richtete, die zugleich deren Stärke 
monifestierte. 
Von dem gleichen 26. AMai, an dem der Neichstag auseinanderging, liegt uns noch eine 
weitere Auherung Bismarcks vor, welche darauf deutet, daß er die Vollendung der deutschen 
Einheit, ihre Krönung in einem deutschen Kaisertum nicht von einer außenpolitischen Ver- 
wicklung, wie sie von Grankreich her drobte, londern von innen her erstrebte und erwartete. 
Wie der damals in Berlin weilende Gesandte v. Schweinitz in seinem Tagebuch (Denkwürdig- 
keiten des Votschafters General v. Schweinitz, I, 258) zum 26. Mai vermerkt, wohnte er am 
Abend dieses Tages einem Gespräch Bismarchs’ mit M. v. Blanchenburg über die deutschen 
Angelegenbeiten bei, in dem dieser die Worte hinwarf, unser König werde doch die Kaiserwürde 
annebmen müssen. Darauf tat Bismarck einen Ausspruch, der deutlich zeigt, wie lebhaft ihn die 
Kaiserwürde noch immer und gerade damals wieter bcbeschäftigt haben muß: ies muß ihm 
vom Könige von Bauern angetragen werden“. äbt darauf schließen, Saß der Kanjler 
bei diesen Worten einen kommenden goamse-zranbar Krieg, etwa gar einen über die 
Ernische Tbronkandidatur entstandenen vorausgesetzt babe; auch im M-är# 1870, wo die 
Jpekten noch durchaus friedlich waren, hatte er ja (ogl. Tr. 1524. Anm. 3) den Bauernkönig 
durch ein Angebot bauyrischer Prärogative, Jei es selbst ein Vizekailertum, zu gewinnen / 
getrachtet. Auch von Bismarcks Gegnern, die doch längst dem Kaiserplan auf der Spur waren 
und nach der Rückkehr des Kanzjlers aus Varßin eine neue Initiative darin erwarteten, hat keiner 
angenommen, daß dieses Ziel auf beriegerischem Wege verwirklicht werden solle. Als nun 
Biemarck Anfang Juni König Wilbelm I. nach Ems m einer Entreoue mit Kaiser Alexander II. 
begleitete, war man in Wien, London usw. alsbald davon überzeugt, daß es eigens zu dem 
Iweck gescheben Jei, um den mächtigen Beistand des ZSaren für die Herstellung des deutschen 
Kalsertums 8 gewinnen. Vgl. dazu Beufts Schreiben an Kürtt Metteruch vom 14. Juni 1870, 
Oncken, Die ri* (Kaiter Napoleons III., III, 375 f., E. v. Wertheimer, Bismarche 
im polltischen Kampf, 5 . f. Es ist nun zwar nicht nhd’“!Ib daH Bismarck, der noch 
nicht einmal leinen otnans al für die Kaiseridee gewonnen hatte, in Ems in dieser Nichtung 
rein mit der Sprache aus sich beronsgegorgen ist. Aber wenn wir hören, dah Alexander II. 
unmiktelbar nach Ems sich sehr beflissen gejeigt bat, den süddeutschen Höfen, die on einer 
Crrichtung eines Golseriums eine eine Bedrohung ihrer Selbltäindigkeeit befürchteten, diese Be- 
Erenh ausjureden (ogl. den Bericht des s elerdten in Stuttgart Comte de 
Vollier vom 30. Junl 1870, der ouf Auhßerungen Varnblllers fußt, H. Onchen, a. a. O.,