Bismarck wünscht beruhigende Einwirkung Rußlands auf England. 425
Momenten Notiz m nehmen, welche für eine andere Haltung gegen Frankreich von der
größten Bedeutung sein würden. Von dem jetzt durch die Seitungen zur öffentlichen
Kenntnis gelangten Entwurf eines Vertrages über die Annexion Belgiens, welcher von
Herrn Benedetti hier vorgelegt, von uns zurückgewiesen worden ist, batte Lord A. Loftus
schon vor mehreren Cagen Kenntnis erbalten; obwohl ich ihm sofort anbieten ließ, das von
Graf Benedettis eigener Hand geschriebene Original bei mir einzusehen, hat er es bis dahin
nicht für der Mühe wert gehalten, sich weiter darum m bekümmern".
Weniger als einen wirklichen Grund denn als einen Vorwand kann ich die in jenen
Kreisen aufgestellte Behauptung ansehen, daß eine Schwächung Grankreichs dem englischen
Interesse zuwiderlaufen würde, weil England dadurch des Bundesgenossen gegen die Pläne
Außlands im Orient beraubt werden würde. Es ist dies ein Vorwand, durch den man auf
die Leichtgläubigkeit des englischen Dubliktums und seine traditionellen Befürchtungen vor
Nußlands orientalischen Croberungen zu wirken sucht. Daß dies nicht ohne Erfolg bleibt,
jeigt sich 3. B. darin, wenn ein uns sonst befreundetes Journal („Daily Aews“) wörtlich
sagt, „ein deutsches Kaiserreich würde für Rußland den Weg nach Konstantinopel, den
Grankreich bis jetzt sperre, leichter machen“. Ja, es scheint sogar schon jetzt die Besorgnis
künstlich erwecktt zu werden, als könnte Rußland die augenblicklichen Verwicklungen be-
nutzen, um die Türkei zu überfallen —i Diese Gedanken finden bei einem Teile des
englischen Publilrums Glauben und werden gegen uns ausgebeutet, um die sonst so starken
S#mpathien des englischen Bolkes zu schwächen.
Ew. pp. finden vielleicht Gelegenbeit, Seiner Majestät dem Kaiser über diese Verhältnisse
zu sprechen und zu erwägen, ob es möglich ist, von rufsischer Seite durch berubigende
Kundgebungen auf die englische Stimmung einzuwirken und die Michtigkeit dieser Vorwände
ins Licht zu stellen.
*1711. Zmmedsatschrelben.
n von der Hond des Vortragenden NRNats von Keudell.]
m 25. Juli trat der zum Sührer der Dritten Armee ernaonnte Kronprinz Griedrich Wilhelm
eine Ah. an die süddeutschen Höfe an, um sich persönlich als Befehlshaber der süddeutschen
Nach einem Telegramm Bismarcks an Bernstorff vom 27. Juli hat Lord Lostus im weiteren Berlau u
des 5 das Original des Venedettischen Vertragsentwurfs vendlich widerstrebend in Augenschein genommen“".
Der englische Botschafter scheint darüber in Le freundlichem Sinn nach London berichtet zu haben; jeden
falls meldete Graf Bernstorff am 29. nach Verlin: „Lord Granville hat mir heute ganz im Pertrauen gesagt.
daß im hiesigen Auswärtigen Amt ein Bericht des Lord A. Lostus vorhaonden sei, wonach Ew. Exellen; ihm
i# einer früheren Zeit von dem bewußten Pertragsenkwurk gelorochen und gelsagt hätten, dah 5 selbst ihn
entworfen und Graf Benedektti ihn nur zu Dapier gebracht babe.“ Darauf antworteke Bismarck am selben
.Juli in einem eigenbändig konzipierten Telegramm: zch. bin erstaunt über die freche Lüge, der nach
Granoilles Meinung Loftus sich sollie schuldig gemacht haben. Ich habe weder mit ihm. noch mit sonst jemand
je ein Wort von der Existenn des Actenstückes gesprochen ulnd) kann durch Zeugen beweisen, dah er von
dieser Kxisten; in der vorigen Woche noch nichts wuhte. Am 24. Juli bei der Laufe am Hofe hat er durch
mich merst davon erfahren usnd] war noch damals ungläubig. 5t er behauptet. was Sie melden, so stände
er dergestalt als Lügner dar, daß er hier nicht bleiben könnte.“ Diesem Telegramm ließ Bismarck lelert. ein
wweites folgen: „Loftus bgt sich den Geschäften durch Uebersiedelung nach Dotsdam entjogen. Ich habe ihn
baher heut uͤber die ihm Schuld gegebne Lüge nicht zur Rede stellen können. Diese Auswanderung in —
Momente ist befremdlich.“ Am gleichen Cage noch ersuchte Bismarch ord Loftus schriftlich. ihn Cags darauf
zu beluchen, da er ihm eine wichtige Mitteilung zu zachen habe. Uber das Ergebnis der Unterredung belht
es in einem Telegramm an Bernstorff vom 30. ch habe eben Loftus geseben und gefragt. Er lagk.
guen W ein AMüßverständniß fein; er babe Arhul ridt don der Sache gewußt, also auch nichts berichter