572 Unveränderter Standpunkt Wilhelms I. in spanischer Thronfrage.
1001. Erlaß an den Gesandten in Florenz
Grafen von Brassier de St. Simon.
[Konzept von der Haond des Vortragenden Aats Abeken.)
Versailles, den 31. Oktober 1870.
Aus den Berichten des Königlichen Staatssekretärs Herrn von Thile über seine Unter-
redungen mit dem Königlich Stalienischen Gesandten und jelbst aus Ew. pp. mir über Berlin
zugekommenem Telegramme vom 30. Cktober über die von Herrn Visconti Venosta öhnen
gemachte Mitteilung wuß ich schließen, daß bei Seiner Majestät dem Könige Victor Emanuel
und seinem Kabinett immer noch irrtümliche Auffassungen über die Stellung Seiner Mojestät
des Königs und der Königlichen Regierung zu der spanischen Thronfolge obwalten, da wir
noch immer dem Wunsche begegnen, darüber unterrichtet zu werden, ob diesfeits die
Kandidatur des Prinzen von Hohenzollern als definitiv erledigt angesehen werde. Herr
von Thile hat dem Grafen Launag mit vollem Recht erwidert, daß eine Kandidatur des
Prinzen für Seine Majestät und für die preußische Regierung oder für den Aorddeutschen
Bund gar nicht existiere und niemals existiert hat. Daß man dennoch an uns die Frage
richtet, ob Seine Majestät die Kandidatur als beseitigt ansehe, muß um so mehr auffallen,
als die richtige Auffassung von unserer Seite wiederholt in öffentlichen Erklärungen dar-
gelegt ist. Wir haben immer daran festgehalten, daß die Srage eine rein perfönliche zwischen
dem Prinzen und Spanien sei; daß sich für uns kein staatliches oder föderales Interesse daran
knüpfe; daß die Regierung Seiner Majestät des Königs gar nicht, allerhöchstletzterer aber
nur höchstens so weit daran beteiligt Jei, als seine Sustimmung als Samilienhaupt-: von den
Betbeiligten nachgesucht ulnd) nach langem Widerstreben ungern ertheilt worden ist, während
sie nach meiner Ansicht von den Privatrechts-Verhältnissen des Königlichen Haufes nicht
einmal erforderlich gewesen wäre. Seine Majestät hat niemals verhehlt, daß er perfönlich
nur höchst ungern und nur auf wiederholtes Andringen von spanischer Seite, von welcher
das allgemeine monarchische Interesse Curopas und das dringende Bedürfnis Spaniens an-
gerufen wurde, seine Zustimmung gegeben oder vielmehr nicht verweigert habe. Es setzt ein
Mißtrauen in diese öffentlichen Erklärungen voraus, wenn man nach allem diesem noch
fragen kann, ob für Seine Wajestät die Kandidatur noch bestehe.
Wollte Seine Majestät der König bierüber eine Erklärung abgeben, so würde er da-
durch den Standpunkt verlassen, den er von Anfang an im Einklang sowohl mit seinen
persönlichen Gefühlen wie mit den Gründen einer gesunden und besonnenen Politik, welche
Einmischungen in die inneren Angelegenbeiten anderer Länder verbietet, eingenommen bat.
Dieser Standpunkt wird auch dann verrückt, wenn, wie es in Shrem Telegramm heißt, der
König Victor Emanuel sich in betreff der Wahl des Herzogs von Aosta der Justimmung
Seiner Acjestät des Königs zu versichern wünscht. Es ist ein unglückliches Beispiel, welches
Frankreich gegeben hat, die Besetzung des spanischen Königsthrones von seiner Zustimmung
abhängen zu machen. Seine Majestät der König ist nicht willens, diesem Beispiel der Ein-
mischung zu folgen, sondern wird, getreu den in öffentlichen Akten ausgesprochenen Grund-
sätzen, erwarten, daß Spanien selbst über seine Geschicke bestimme, und keinen Anstand
nehmen, diejenige Regierung anzuerkennen, welche die Ipanische Nation, unbeirrt von
fremden Einflüssen, sich selbst gegeben haben wird.
1 Der Schluß des Satzes eigenhöndiger Jusatz Vismarcks.