Volltext: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Tbiers' Forderung der Verproviantierung von Paris. 581 
*1907. Telegramm an den Botschafter in London 
Grafen von Beenstorff. 
[Eigenbändiges Konzept.] 
Versailles, den 5. Aovember 1870. 
Nach meiner letzten Unterredung mit Thiers gestalten sich die Aussichten auf Waffen- 
stillstand, wenn nicht auf sofortigen Srieden, günfstiger. Er hat heut Unterredung mit Crochu 
ulnd] Favre in der Vorpostenlinie. Die Unsicherheit der innern Lage in Paris- beengt ihn ulnd 
macht auch ihn unsicher. Momentan hält sich die Reglierungl, aber das Gefecht in der Stadt 
scheint fortzudauern. 
Der Glaube an den Ernst der Berhandlungen Frankreichs wird uns durch die täglich 
erscheinenden Proklamationen der Regierungen in Tours und Paris genommen, welche 
unabänderlich zum Kampfe bis auf den letzten Mann die Mation aufregen und jede Konzession 
als unmöglich schildern. 
*1908. Erlaß an den Botschafter in London 
Grafen von Bernstorff'. 
lReinkonjept. 
Versailles, den 6. November 1870. 
Ew. pp. übersende ich in der Anlage den Vorschlag, welchen Herr Thiers mir als Basis 
zu einem Waffenstillstande vorgelegt hats. 
Die einfache Durchsicht desselben genügt, um zu der Uberzeugung zu gelangen, daß diese 
Basis für uns unannehmbar ist. 
Wir würden mit derselben alle Vorteile aus den Händen geben, welche wir in den letzten 
zwei Monaten mit großen Opfern und Anstrengungen erlangt haben, und in unferer Stellung 
einfach auf die Lage murückegeführt werden, in welcher wir uns vor dem 19. September, dem 
Tage, an welchem die Einschließung von Paris begann, befanden. 
Wir sollen Paris verproviantieren lassen und auf unsere Operationen versichten, für 
deren Ausdehnung gerade jetzt die uns eben wiedergegebene Verfügung über die Armee von 
Metz die Mittel bietet, die Rekrutierungen und neuen Sormationen aber, durch welche die 
französische Republik sich wieder eine Armee zschaffen bofft, sollen fortgehen, während unfere 
Armee keinen Bedarf der NRekrutierung hat — und während wir Daris Vorräte mführen 
lassen, sollen wir ohne die in Seindesland gebotene Requisition unsere Armeen ernährenl Alles 
dies, ohne daß uns irgendwie ein militärisches oder politisches Aquivalent oder eine bestimmte 
Aussicht auf Frieden geboten würdel Die Aussicht, durch die mit dem Waffenstillstande zu 
verbindende Wahl einer Konstituante m geordneten Sufständen und einer allgemein anerkannten 
1 Das gleiche Celegramm mit Ausnahme des letzten Absatzes ging auch an den Gesandten in Petersburg 
Heinrich VII. Prinzen Reu 
2 Am J1. Cktober, demselben Cage, wo Thiers ins Hauptquartier Mrückkebrte, war in Paris ein r** 
lend Iiusgehrochen. der nur mit Mühe niedergeschlagen wurde. VBgl. A. Stern, Geschichte Europas, 
*8 1 D I Erlaß ging auch nach Detersburg und Berlin. 
E— — — Win Lard trägt dessen Vermerk: „Von Seiner Majeltãt genehmigt.“ 
2 NAäöheres darüber in: Notes et Souvenirs de M. Thlers, p. 81 ss.