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4. Masuren. Im Süden wird die Provinz von dem nördlichen Landrücken
durchzogen. Er trägt hier (wie in Westpreußen) in einer Einsenkung viele Seen
und wird auch die preußische Seenplatte genannt. Die bedeutendsten dieser
Seen sind der Mauer- und der Spirdingsee. Hier auf dem Landrücken sind
wir im Lande der (zu den Polen gehörigen) Masuren. Die blauen, wald-
umsäumten Seen verleihen der Landschaft einen so großen Reiz, daß man die
Umgebung Lötzens die „masurische Schweiz“ nennt. Da der Boden des
Höhenrückens jedoch vielfach sehr sandig ist, so ist er größtenteils mit Kiefern-
wäldern bedeckt. Am bekanntesten ist die 100 km lange „Johannisburger Heide“,
die zuweilen noch von Wölfen und Luchsen (aus Rußland) aufgesucht wird.
b. Hrovinz Westpreußen. (26 T. qkm — 1,5 M. E. — ¼ kath.)
1. Die Höhenplatte. Durch Westpreußen zieht sich (wie durch Ostpreußen)
der nördliche Landrücken. Er wird hier von der Weichsel durchbrochen und bildet
auf jeder Seite des Flusses eine seenreiche Höhenplatte. Auf dem südlichen Abhange
der westlichen Höhenplatte liegt die 70 km lange „tuchelsche Heide“. Ihr
sandiger Boden ist größtenteils mit Kiefern bestanden. Im Norden der Höhen-
platte liegt das Land der polnischen Kaschuben. Auch hier finden sich öde Sand-
und Heidegegenden, so daß Roggen, Kartoffeln, Buchweizen u. s. w. auf den
Feldern recht kümmerlich stehen. Die Bewohner sind daher meist arm. Selbst die
zahlreichen Adeligen und Grafen des Landes nähren sich durch ihrer Hände Arbeit;
ja, manche von ihnen versehen sogar die Dienste eines Knechtes oder Hirten.
2. Das Weichselthal. Die Weichsel (S. 91) tritt oberhalb der bedeutenden
Grenzfestung Thorn in Westpreußen ein und durchbricht alsdann den nördlichen
Landrücken. Der Boden in dem hier 8—15 km breiten Weichselthale besteht
durchweg aus Schwemmland. Er ist daher äußerst fruchtbar. Auf den Anhöhen
seitlich vom Weichselthale (S. 91) liegen die bedeutendsten Städte der Provinz:
Thorn, mit einem Denkmale des Kopernikus, Graudenz, ehemals Festung,
Marienwerder, dann (an der Nogat) Marienburg, mit dem prachtvollen
Schlosse der Deutschritter, und südöstlich der Nogat-Mündung Elbing. An der
Danziger Weichsel liegt die Festung Danzig (130 T.), die Hauptstadt der Provinz.
Sie treibt bedeutenden Handel mit Getreide und Holz aus Polen. (S. 91.)
3. Die Wetichselniederung umfaßt das Deltaland der Weichsel. Sie ist eine un-
gemein fruchtbare Ebene. Der Weizen wird daher hier mannshoch, und das Gras
reicht den darin weidenden Rindern bis an die Brust. Im Frühlinge schwillt der
Strom gewaltig an. Daher sind längs der Flußarme zu beiden Seiten 7—8m
hohe Deiche errichtet, um das Land gegen die Hochflut des Frühjahrs zu schützen.
Nicht selten aber geschieht es, daß die Weichsel in ihrem südlichen Laufe bereits auf-
getaut ist, während sie weiter nach Norden noch von dickem Eise bedeckt wird. Dann
schieben sich die Eisschollen über= und untereinander und verstopfen zuweilen den
ganzen Flußlauf. Das Wasser staut sich daher auf und überflutet oder durchbricht die
Deiche. Im Jahre 1855 stürzten die hereinbrechenden Fluten mitten in zwei dicht
am Deiche liegende Dörfer hinein. Fast sämtliche Häuser wurden fortgerissen; viele
Bewohner ertranken in den Fluten, andre erstarrten auf den Eisschollen, auf denen
sie Rettung gesucht hatten. Die fruchtbaren Felder aber waren auf weite Strecken
mit hohen Sandmassen bedeckt und in eine Wüste verwandelt worden. .
4. Bei Danzig bildet die Ostsee die Danziger Bucht. Von dieser ist durch
die frische Nehrung das frische Haff und durch die Landzunge Hela das
Putziger Wiek abgeteilt. Die Landzunge Hela ist etwa 45 km lang und 1—5 km
breit. An ihrer Spitze trägt sie den Flecken Hela.