404 Ueber den rechtlichen Vegriff des Ausdrucks „Wittwe“.
und es fragt sich, ob ihre Ansprüche, welchen aus-
ser dem nichts entgegenstehen würde, begründet
seyen oder nicht? Diese Frage wurde zu Gunsten
der Prätendentin entschieden, und zwar aus fol-
genden Gründen:
1) Wittwe nennt man im gewöhnlichen Leben
eine Frau, welche ihren Mann durch den Tod ver-
loren hat. Dies ist der gewöhnliche Sprachge-
brauch, welcher auch nach fr. 25, §&. 1 und fr. 69
de leg. III insolange bei Interpretation der Rechts-
geschäfte zu Geunde gelegt werden soll, als nicht
nach fr. 219 de V. S., fr. 19, 101, §. 2 de
condit. et demonstr. vann fr. 50 z. ult. de
leg. 1 erhellt, daß der oder die urheber der aus-
zulegenden Disposstion etwas anderes beabsichtiget,
oder die Gesetze selbst dem in Frage befangenen
Ausdrucke eine von dem gewöhnlichen Sprachge-
brauche abweichende Deutung beigelegt haben 1),
da in biesem letzteren Falle das Geschäft der In-
terpretation vom Gesetze selbst übernommen wurde,
und daher vermuthet werden muß, daß von dem
Disponenten, wenn er nicht das Gegentheil aus-
drücklich verordnete, auch der Ausdruck im gesetz-
lichen Sinne genommen worden sey. Beide Aus-
nahmsgründe treten hier ein, und schließen die An-
wendbarkeit des gewöhnlichen Sprachgebrauchs aus.
2) „Viduam non solum eam, quac ali-
duando nupta fuissct, sed eam quoque mu-
lierem, quae virum non habuisset, appel-
lari ait Labeo: quia vidua sic dicta est,
quasi vecors, vesanus, qui sine corde aut
Sanitate esset, similiter viduam dictam esse
sine duitate.“
sagt Javolenus in fr. 242 de V. S. §. 3.—
In der Glosse zu dieser Stelle wird die erste Be-
beutung (quse aliquando nupta fuisset) als
) kr. 195, 8 1, 201, 222 de V. S.