452
Pedanten. Und dann nimmt er die Beispiele deutscher Geschmacklosigkeit
aus seinen Kinderjahren, aus der ekelhaften Schweifwedelei
hungriger Gelegenheitsdichter: „Ihre Majestät glänzen wie ein
Karfunkel am Finger der jetzigen Zeit.“ Ist es denn Recht nach
solchen Leistungen eines einzelnen Professors den Geschmack beurtheilen
zu wollen?
Allein Friedrich spricht auch noch seiner Zeit, seiner Gegenwart
den Geschmack ab. Er wendet sich an seinen Minister, den
Grafen Herzberg. „Um sich von dem geringen Geschmacke zu überzeugen,
der bis auf unsere Tage in Deutschland herrscht,“ spricht
der König zu dem Minister, „haben Sie nur die öffentlichen Theater
zu besuchen. Sie sehen dort die abscheulichen Stücke von Shakespeare
in unsere Sprache übersetzt, und das ganze Auditorium ist
außer sich vor Freude beim Anhören dieser lächerlichen Possen,
die der Wilden von Canada würdig sind. So bezeichne ich sie,
weil sie gegen alle Regeln des Theaters verstoßen, die doch nicht
willkürlich sind, namentlich gegen die drei Einheiten. Immerhin
kann man es Shakespeare verzeihen; denn der Anfang der
Kunst ist nicht ihre Vollendung. Aber da ist nun gar ein Götz
von Berlichingen auf der Scene, eine abscheuliche Nachahmung
der schlechten englischen Stücke, und das Parterre klatscht Beifall
und fordert mit Begeisterung die Wiederholung dieser ekelhaften
Plattheiten. Ueber den Geschmack soll man nicht streiten.
Aber diejenigen, welche eben so viel Vergnügen an Seiltänzern
und Marionetten finden, wie an Tragödien von Racine, gehen nur
darauf aus die Zeit zu tödten.“
Und bei alle dem übt auf diesen tadelnden König die geistige
Regsamkeit, welche immer stärker die Nation zu durchzucken begann,
ihre unausbleibliche Wirkung, bis der Tadler zum Propheten wird.
„Uebrigens,“ sagt er, „übertreffen diejenigen, welche zuletzt kommen,
manchmal ihre Vorgänger. Das kann uns eher widerfahren, als
man es glaubt, wenn die Souveräne Geschmack haben für die