Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Einundzwanzigster Jahrgang. 1905. (46)

82  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  26.—  Mai  11.)

          26./27.  April.  (B r e s l a u.)  Tagung  der  kirchlich-sozialen
Konferenz.  Hauptreferate:  D.  v.  Örtzen:  Patriarchalische  Verhältnisse
  und  modernes  Arbeitsrecht.  Generalsekretär  Müller:  Größere
Anforderungen  an  die  christliche  Jugendliteratur.

          5.  Mai.  (W ü r t t e m b e r g.)  Kammerdebatte  über  die  Zukunft
  der  evangelischen  Kirche.

          Die  Kammer  genehmigt  einen  Antrag  Hieber,  in  welchem  die  königliche
  Staatsregierung  ersucht  wird,  der  Kammer  der  Abgeordneten  eine
Denkschrift  vorzulegen,  in  der  die  rechtlichen  und  finanziellen  Verhältnisse
des  sogenannten  Kirchengutes,  die  auf  demselben  ruhenden  Verbindlichkeiten
des  Staates,  sowie  die  Frage  der  Ausscheidung  des  Kirchengutes  vom
Staatskammergut  dargelegt  werden.

          Kultusminister  Dr.  v.  W e i z s ä c k e r  legt  die  großen  Schwierigkeiten,
die  der  Ausarbeitung  einer  solchen  Denkschrift  gegenüberstehen,  dar  und
fordert,  daß  in  einer  Kommission  zunächst  darüber  Beschluß  gefaßt  werden
solle,  nach  welchen  Grundsätzen  die  Denkschrift  überhaupt  auszuarbeiten  sei.
Der  Ausscheidung  des  Kirchengutes  würde  die  Trennung  von  Staat  und
Kirche  folgen.

          5.  Mai.  (B a d e n.)  Der  Kaiser  trifft,  von  der  Mittelmeerreise

  heimkehrend,  in  Karlsruhe  ein.

          Mai.  (P r e u ß e n.)  Die  Berggesetzkommission  des  Abgeordnetenhauses
  bereist  die  Kohlengruben  des  Ruhrgebiets.

          9.  Mai.  Der  Todestag  Schillers  wird  in  ganz  Deutschland
gefeiert.

          10.  Mai.  (P r e u ß i s c h e s  A b g e o r d n e t e n h a u s.)  Warenhaussteuer.


          Die  am  17.  Februar  gebildete  Kommission  zur  Beratung  eines  Antrags
  F u c h s  (Z.)  auf  Aenderung  der  Warenhaussteuer  beantragt,  die
Steuer  bei  200  000  Mark  Umsatz  anstatt  bei  400  000  beginnen  zu  lassen.
Die  Steuer  soll  progressiv  steigen  bis  zum  Hoöchstsatz  von  fünf  Prozent
des  Umsatzes.  —  Der  Antrag  wird  gegen  die  Stimmen  der  Nationalliberalen
  und  Freisinnigen  angenommen;  die  Regierung  erklärt  ihn  für
unannehmbar.

          11.  Mai.  (B e r l i n.)  Staatssekretär  des  Innern  Graf  Posadowsky
  empfängt  eine  Handwerkerdeputation,  die  eine  Ausdehnung
der  Invalidenversicherung  auf  die  selbständigen  Handwerker  verlangt.
  Der  Staatssekretär  hält  dies  Ziel  für  erstrebenswert,  vorläufig
  ständen  aber  noch  große  Hindernisse  im  Wege.

          Mai.  Durch  die  in=  und  ausländische  Presse  gehen  Nachrichten,
  wonach  der  Kaiser  bei  Ansprachen  in  Wilhelmshaven  und
Straßburg  die  russische  Armee,  insbesondere  das  Offizierkorps,
scharf  kritisiert  haben  soll.  —  Der  „Reichs-Anzeiger“  erklärt  diese
Angaben  für  teils  tendenziös  entstellt,  teils  erfunden.