290 DIE GEFAHREN DER PHANTASIE
freundschaft gewähren würden, die dem ritterlichen Geist der spanischen
Nation entspräche. Aber wie denke sich der hohe Herr die Reise von Berlin
nach Spanien? Den üblichen Landweg über Paris und Hendaye-Irun könne
er nicht wohl einschlagen, ebensowenig den Seeweg über Italien und
Barcelona. Die Antwort lautete, der Kaiser trage sich mit der Absicht,
im U-Bootnach San Sebastian zu gelangen, wie dies nicht lange vorher
einem kühnen deutschen U-Boots-Kommandanten gelungen war. Dieser
Plan scheint nur eine Seifenblase gewesen zu sein, die ebenso rasch
zerplatzte, wie sie sich gebildet hatte. Sicher war, daß der Berliner Boden
Seiner Majestät unter den Füßen brannte.
Daß es dem Kaiser gegenüber einer präsenten Gefahr nicht an Mut
fehlte, hatte er, wie ich seinerzeit erzählte, während der bangen Tage
bewiesen, woeran Wucherungen im Halse erkrankte, was in der Erinnerung
an das Krebsleiden beider Eltern so wie anderer Vorfahren auch einen
starken Mann umwerfen konnte. Wilhelm II. betätigte seine Unerschrocken-
heit beim Reiten, das für ihn bei der Unbrauchbarkeit seines linken Armes
immer mit Gefahr verbunden war. Ich bin endlich oft mit ihm in Wilhelms-
höhe, in Wiesbaden und Homburg, in Kiel und auf vielen Reisen unbewacht
spazierengegangen, ohne daß er die geringste Besorgnis an den Tag legte.
Aber bei Wilhelm II. überwog Phantasie, Schillers kühne Seglerin, bis-
weilen dio ruhige Überlegung, die Metis der alten Griechen. Bei einem
Dichter wäre das ein Vorzug gewesen, rühmt doch auch der Olympier
Goethe als seine Göttin die ewig bewegliche, immer neue, seltsame Tochter
Jovis, sein Schoßkind, die Phantasie. Bei einem Regenten hatte eine so rege
Phantasie ihre Gefahren. Schon deshalb bedurfte Wilhelm II. so sehr, so
dringend ruhiger und besonnener Ratgeber. Möglichkeiten, die ihm seine
Phantasie vorspiegelte, rissen ihn entweder zu übertriebenen Erwartungen
hin oder versetzten ihn in ebenso übertriebenen Schrecken. Seit dem
tragischen Ende des unglücklichen Zaren Nikolaus II. stand der Deutsche
Kaiser unter dem Eindruck dieses entsetzlichen Ereignisses. Der Zar sei,
so glaubte der Kaiser, daran zugrunde gegangen, daß er zu lange mit seiner
Abreise aus der Hauptstadt nach dem Hauptquartier gezögert hätte.
Deshalb wäre es den Aufrührern möglich gewesen, ihn unterwegs abzu-
fangen, zur Abdankung zu zwingen und dann abzuschlachten. Der Kaiser
übersah den weiten Abstand zwischen russischen und deutschen Ver-
hältnissen, deutscher und ausländischer Mentalität und Tradition. Nie hat
ein deutscher Fürst das Schafott bestiegen, wie in Frankreich und England
Ludwig XVI. und Karl I., nie war in Deutschland ein Herrscher ermordet
worden, wie in Italien, in Schweden, wie mehr als einmal in Rußland.
. Jedenfalls war es ein großer politischer Fehler von seiten des Kaisers,
daß er im Herbst 1918 seine Hauptstadt verließ. Er hätte in Berlin bleiben,