Volltext : Die Weltgeschichte. Zweiter Theil. Das Mittelalter. (2)

248  Deutschland  und  Italien  finken.

einen  Rückhalt  gesucht  und  Bündniß  mit  ihnen  gemacht  zum  gegenseitigen
  Schutze  in  jener  Zeit  der  Fehden,  wie  Bern  die  Bewohner  der
oberländischen  Thäler  gegen  die  Herren  von  Weißenburg,  die  sie  höher
besteuern  wollten,  in  Schutz  nahm  und  sich  verburgrechtete.  Wir  wissen
ferner,  daß  der  rheinische  Städtebund  1255  erklärt  hatte,  die  Rechte  der
Landleute  schützen  zu  wollen;  es  war  demnach  ein  allgemeines  Streben
in  den  Städten,  in  ihrem  Kampfe  gegen  die  Herren  die  Bauern  zu  benutzen,
  und  dieß  gelang  Zürich  und  Bern  deßwegen  am  besten,  weil  sie
durch  die  Landesbeschaffenbeit  am  meisten  begünstigt  waren.  Zürich  hatte
mit  Albrecht  in  Feindschaft  gelebt,  sich  aber  doch  fügen  müssen;  nun  war
Albrecht  ermordet,  der  wie  Rudolf  die  Rechte  seines  Hauses  und  des
Königs  wiederhergestellt  und  geübt  hatte;  ist  es  nun  noch  zu  verwundern,
  daß  auf  die  Kunde  von  Albrechts  Tode  Zürich  seine  Thore  schließt,
die  Bauern  im  Gebirge  aber  die  verhaßten  Burgen  anzünden?  Daß  sie
einen  Bund  verabredeten,  ist  natürlich,  doch  Urkunde  ist  keine  vorhanden;
erst  als  durch  die  königlichen  Feinde  des  Hauses  Habsburg  ihr  Aufstand
legitimiert  wurde,  faßten  sie  den  ersten  eidgenössischen  Bundesbrief  ab;
es  ist  bezeichnend,  daß  sie  bei  den  folgenden  Unterhandlungen  den  Zustand
  anerkannt  wissen  wollen,  wie  er  war  vor  dem  „alten  Küng“  (vor
König  Rudolf),  d.  h.  wo  sie  Meister  im  Lande  waren.  So  gelanzg
einigen  Gemeinden  im  Gebirge  und  den  vorliegenden  Städten  das  nämliche,
  was  den  deutschen  Fürsten  im  Reiche  geglückt  war:  auch  die  Bauern
und  Städter  anerkannten  dem  Namen  nach  die  Oberhoheit  des  Königs,
geborchten  ihm  aber  nur,  wenn  es  ihnen  nützlich  oder  nothwendig  schien,
und  das  war  höchst  selten  der  Fall.  Der  eidgenössische  Bund  ging  denselben
  Weg  wie  die  großen  und  kleinen  Dynasten  im  deutschen  Reiche.

Viertes  HKapitel.
Kaiser  Beinrich  VII.  (1308—1313).

Auf  Albrecht  folgte  abermals  kein  Habsburger,  sondern  der  Bruder
des  Erzbischofs  von  Trier,  der  ritterliche  Heinrich  von  Luxemburg,  der
sogleich  seine  Feindschaft  gegen  Habsburg  dadurch  bewies,  daß  er  den
Eidgenossen  ihre  Reichsfreiheit  urkundete  und  ihnen  das  große  Vorrecht
cinräumte,  „daß  keiner  sie  richten  sollte,  er  sei  denn  ihr  Landsmann“;
dadurch  wurden  sie  der  Gerichtsbarkeit  des  aargauischen  Landgrafen  entzogen,
  welche  Würde  Habsburg  begleitete.  Die  Habsburger  mußten  es
sich  gefallen  lassen,  denn  sie  hatten  sonst  genug  Feinde,  und  mußten  frob
sein,  daß  Heinrich  endlich  die  Mörder  ihres  Vaters  ächtete.