Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Dentsqes  Reiq.  (Marz  29.)  359

E.  dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  schleunigst  alle  zurzeit  bestehenden  gegen
einzelne  Parteien,  Schichten  oder  Klassen  der  Bevölkerung  gerichteten  Ausnahmebestimmungen
  aufgehoben  werden,  insbesondere:  alle  aus  einem
bestimmten  religiösen  oder  religionslosen  Bekenntnis  abgeleiteten,  tatsächlich
bestehenden  Beschränkungen  der  Gleichberechtigung,  das  Gesetz  betr.  den  Orden
der  Gesellschaft  Jesu,  die  gegen  den  Gebrauch  einer  nichtdeutschen  Muttersprache
  gerichteten  Ausnahmegesetze  und  -vorschriften,  die  preußischen,  gegen
die  polnisch  sprechenden  Teile  der  preußischen  Bevölkerung  gerichteten  Enteignungs-
  und  Ansiedlungsgesetze,  die  gegen  ländliche  Arbeiter  und  das
Gesinde  in  Einzelstaaten  gerichteten  Strafvorschriften  sowie  die  Gesindeordnungen,
  die  gegen  die  Arbeiter  gerichteten  Beschränkungen  in  der  Verwertung
  ihrer  Arbeitskraft,  insbes.  die  gegen  die  Ausübung  ihres  Koalitionsrechts
  gerichteten  Strafvorschriften  des  §  153  der  Gewerbeordnung  und  die
Anwendung  der  Strafvorschriften  der  Nötigung,  der  Erpressung  und  des
groben  Unfugs  gegen  die  Ausübung  des  Koalitionsrechts  der  Arbeiter;

F.  dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  schleunigst  eine  Sicherstellung  des
Vereinsrechts,  des  Versammlungsrechts,  des  Rechts  der  freien  Meinungsäußerung
  in  Wort  oder  Schrift,  des  Briefgeheimnisses  und  der  Wahlfreiheit
gegen  militär.  u.  polizeiliche  Eingriffe  unter  dem  Belagerungszustand  erfolgt;

G.  dafür  Sorge  zu  tragen,  daß  schleunigst  die  sämtlichen  wegen  politischer
  Delikte  ergangenen  Strafen  aufgehoben  werden.

Nachdem  die  Abgg.  Gröber  (Zir.)  und  Prinz  zu  Schönaich-Carolath
  (Natl.)  über  die  Verhandlungen  des  Ausschusses  berichtet  haben,  führt
Abg.  Dr.  Spahn  (Ztr.)  aus:  Das  preußische  Herrenhaus  hat  in  der  letzten
Zeit  wiederholt  Gelegenheit  genommen,  sich  mit  unseren  Angelegenheiten  zu
beschäftigen.  Es  hat  dem  Reichstag  vorgeworfen,  daß  er  seine  Kompetenz
überschreitet,  und  daß  er  sogar  in  die  Exekutive  eingreift.  Diese  Reden
würden  uns  nicht  weiter  berühren,  wenn  nicht  das  Präsidium  des  Herrenhauses
  diese  Ausführungen  ohne  weiteres  zugelassen  hätte.  Darum  müssen
wir  erklären:  das  Herrenhaus  mag  vor  seiner  eigenen  Tür  kehren  und  uns
in  Ruhe  lassen.  Der  Reichskanzler  hat  erklärt,  daß  das  Erleben  dieses  Kriegs
zu  einer  Umgestaltung  unfrer  innerpolitischen  Verhältnisse  führen  müsse,  daß
eine  Wahlreform  in  Preußen  kommen  werde.  An  sich  berührt  die  preußische
Wahlrechtsfrage  uns  nicht.  Gesetzestechnisch  haben  wir  nichts  damit  zu  tun;
aber  diese  Frage  interessiert  uns  als  Deutsche  und  mich  als  Preußen.  Unsere
preußische  Fraktion  hat  sich  auch  bemüht,  eine  solche  Wahlreform  herbeizuführen,
  um  diese  Streitfrage  aus  der  Welt  zu  schaffen.  Der  Reichskanzler
wünscht  eine  Politik  der  Stärke  nach  innen  und  nach  außen.  Das  sagte  er
in  Preußen.  Derselbe  Gedanke  kann  aber  auch  bei  uns  im  Reich  Anwendung
finden.  Auch  wir  sind  bestrebt,  ein  starkes  und  junges  Volk  aus  dem  Kriege
zu  bringen,  dem  Geist  des  Volkes  neue  Richtung  zu  geben,  neue  Arbeit  zu
leisten.  Wenn  es  uns  gelingt,  das  Bewußtsein  der  Verantwortlichkeit  des
einzelnen  zu  stärken,  dann  werden  wir  auch  stark  werden  in  unserem  wirtschaftlichen
  Leben.  Die  Sonne  des  Christentums  ist  es,  die  den  Geist  unseres
Volkes  erleuchtet.  Gestern  hat  Minister  v.  Breitenbach  im  preußischen  Herrenhaus
  die  Aenderung  der  Polenpolitik  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege  zugesagt.
  Wir  erblicken  darin  ein  erfreuliches  Zeichen  des  Vertrauens  zur
polnischen  Bevölkerung.  Amerika  hätte  durch  Vereinbarung  mit  uns  seine
Interessen  wahren  können;  aber  daß  es  dauernd  unsere  Feinde  mit  Kriegsmaterial
  versorgt,  das  durften  wir  nicht  zugeben.  Wie  auch  Amerikas  Entschließung
  falle,  wir  führen  die  Seesperre  durch  bis  zum  siegreichen  Ende
des  Kriegs  und  wir  vertrauen  unseren  Truppen  zu  Wasser  und  zu  Land.
Der  Krieg  hat  sich  zugespitzt  zu  einem  Duell  zwischen  England  und  Deutschland.
  An  der  neuen  Stellung  im  Westen  werden  sich,  so  vertrauen  wir