21l. Teenperenguro, Die Akademie unter Friepricn Wirners IV. 499
In allen diesen Beziehungen ist den Akademien ein grofses Ziel gestellt. Herr
Jacob Grimm bezeichnete es einmal in eineın Vortrag als ihre wesentliche Aufgabe,
wie ein mächtiges Schiff die hohe See, die Höhe der Wissenschaft zu halten,
und in tonangebenden schöpferischen Vorträgen und Mittheilungen alle auftauchenden
Spitzen der Forschung neu und frisch hervorzuheben und weiter zu verbreiten!.
Bei einem solchen Mafsstab mag dem Einzelnen das Gewissen schlagen; aber
er getröstet sich des Ganzen, wenn aus einem Rückblick auf zwei Jahrzehnde der
Akademie hervorgehen sollte, dafs wenigstens ihr Streben von diesem akademischen
Geiste angehaucht und getragen war.
In der Darstellung, die wir versuchten, trat uns des Königs thätige Theilnahme
bereits an verschiedenen Punkten entgegen, für die Naturwissenschaften,
da wir A. von Humboldt's, für die Geographie, da wir Karl Ritter’s, für die Kunst
und Archäologie, da wir Herrn von Ölfers’, für die Geschichte, da wir des Corpus
inseriptionum Latinarum, für das Deutsche und Nationale, da wir der Brüder
Grimm, für die Aufgabe der Philosophie, da wir Schelling’s im Zusammenhang
der akademischen Thätigkeit gedachten. Dürfen wir nun von unserm Standpunkt
(jeder Standpunkt, und der unsere gewils, hat etwas Einseitiges und Beschränktes)
den vorwiegenden Zug seines umfassenden, lebhaft angeregten Geistes
bezeichnen, so war der König vorzugsweise ein historischer Geist. In idealen Anschauungen
war die Herrlichkeit der Vergangenheit in seiner mitempfindenden
Seele aufgegangen; in den grolsen Gestalten aller Zeiten freuete er sich ihrer sittlichen
oder christlichen Seele. Am Historischen hatte er die königliche Kunst, die
Dinge grofs zu fassen, geübt. Der historische Zug seines Wesens zeigte sich allenthalben.
Es liegt uns ferne, diesem Zuge in den Widerstreit der politisch kreisenden
Jahre zu folgen. Wir folgen ihm in friedlichere, harmonische Offenbarungen.
Es war ein Zug des historischen Sinnes, da es dem Könige Bedürfnils war,
sich in jener Kuppel, mit welcher er als mit der Kapelle seines Hauses das Schlofs
krönte. ınit_den Bildern der heiligen Geschichte zu umgeben, von den Patriarchen
bis zum Erlöser, von den ersten Blutzeugen der christlichen Wahrheit bis zu dem
evangelischen, mit seinen Stiftungen frommer, thätiger Liebe durch die Geschlechter
hindurchreichenden August Hermann Francke, an dessen Geist und Sinn des Königs
eigene Gründungen (wir denken z. B. an Bethanien) hell anklingen.
Es war ein Zug seines historischen Sinnes, da er mit den eigensten Gedanken
das neue Museum baute, um in den schönen Räumen aus allen Zeiten und
allen Ländern die Denkmäler der Kunst und des Alterthums zu vereinigen und
unter Bildern, welche an die Geschichte ihrer Entstehung und an ihre Umgebung
erinnern, zur Anschauung und zum Verständnils zu bringen. Es war ein Zug seines
historischen Sinnes, da er Kaulbach’s Geist und Kunst anregte, die Eintretenden
historisch zu stimmen. Uns empfangen im Treppenhause die grofsen Bilder,
welche uns in mächtigen Anschauungen die entscheidenden erzeugenden Zeiten der
Menschengeschichte in die Seele werfen. Wir wandern durch die Räume. Hier
stehen wir im Teinpel von Karnak vor aegyptischen Denkmälern, dort, von dem
Bilde der Akropolis begrüfst, unter Werken des Phidias und dort wieder vor den
Bildwerken christlicher Kunst, wo Wappen und Symbole aus dem Mittelalter auf
uns herabblicken. In diesen schönen, sinnigen Ordnungen waltet der König selbst,
und wir empfinden darin den Grufs seines edlen Geistes.
Es war ein Zug seines historischen Siunes, da er in Köln das Werk, das
vier Jahrhunderte hatten unberührt liegen lassen, kühn wieder aufnahm und in
der grofßsen Empfindung und Anschauung, aus welcher im Mittelalter die Dome
ı Jacob Grimm über Schule. Universität, Akademie. Denkschriften. Aus dem Jalıre
1849. S. 183.
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